Selbstdarstellung

 

Flugschriften

 


 

Flugblatt zum Jahrestag der "Reichspogromnacht" am 9. November 2002/Moabit-Berlin & zur LL-Demo 2003

 

 

 

Theorien über das Grauen

 

 

 

„Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen!“ schrieb Max Horkheimer, einer der Hauptdenker der „Kritischen Theorie“. Ist diese Formel auch auf das generelle Phänomen des Antisemitismus zu übertragen? Bringt die kapitalistische Klassengesellschaft weitere Formen wie z.B. Rassismus und den Antisemitismus grundsätzlich hervor? Der unauflösbare innere Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Faschismus und modernem Antisemitismus ist nicht so schnell ersichtlich, dass er allein in simplen „Schuldzuschreibungen“ und linken Gewissheiten aufzulösen ist. Klar, es kann kein Zweifel daran bestehn, das es bestimmende Kreise des deutschen Großkapitals um Thyssen und Krupp waren, die mit ihren Mitteln in den 30er Jahren die Nazidiktatur in den Sattel der Herrschaft geholfen haben. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die deutsche Industrie den „Generalplan Ost“ der NAZIS mit der geplanten Vernichtung von mehreren Millionen Menschen mitgetragen hat und im deutschen Imperialismus in seiner schlimmsten Ausprägung ihren ökonomischen Profit und Ruhe vor dem Klassenkampf suchte. Es geht uns gerade um die These des „verkürzten Antikapitalismus“. Sie besagt, dass diejenigen unter uns, die sich mit ihrem selten hinterfragten Alltagsbewusstsein begnügen, sehr anfällig sind für autoritäre Verdrängungsangebote. Uns beunruhigen die Fragen: „Warum bleibt der Antisemitismus aktuell?“, „Welche Erklärungsansätze können die behaupteten Zusammenhänge zwischen dem immer noch real existierenden Kapitalismus und dem Antisemitismus erklären?“, „Warum nahm der Antisemitismus in Deutschland die Form des praktizierten Völkermords an?“, „Ökonomisch war der Völkermord aber unsinnig! Also war der Völkermord der Höhepunkt eines sozialpsychologischen Wahns, einer Massenpsychose?“
Einiges an den Erklärungsansätzen ist in einem schwer verdaulichen Vokabular geschrieben, wir haben vereinfacht, wo wir konnten, bitten aber um Nachsicht, wenn der eine oder andere Brocken nicht so leicht eingängig ist.



Antisemitismus als „eigentlich“ antikapitalistische Paranoia oder als „verkürzter Antikapitalismus“

Historisch waren viele europäische Jüdinnen und Juden in die Sphäre der Zirkulation (Handel/Kreditunternehmer) gepresst, was sie einerseits zum Objekt des Hasses stempelte, sie andererseits aber auch als unentbehrlich erscheinen ließ. Horkheimer und Adorno wiesen darauf hin, dass „die Juden“ mit dieser Sphäre schier gleichgesetzt worden seien. In Zeiten kapitalistischer Krisenbewältigung schlug der Hass auf das eigene Elend in den europäischen Ländern häufig in eine Pogromstimmung gegen „die Juden“ um. Gerade der „liberale bourgeoise Jude“ wurde zum Ziel der Anfeindungen, da er das „Finanzkapital“ zu verkörpern schien. Moishe Postone geht noch einen Schritt weiter, er meint, dass das Unbehagen im Kapitalismus sich in einer personalisierten Form manifestierte. „Die Juden“ werden nicht nur als „Geldeigentümer betrachtet“, sondern prinzipiell mit der durch den Kapitalismus als Gesamtsystem — inklusive der zum Kapital sich antagonistisch verhaltenden Kräfte — verursachten „gesellschaftlichen Umstrukturierung und Verschiebung identifiziert. (...) Ein Naziplakat bietet ein plastisches Beispiel für diese Wahrnehmung: Es zeigt Deutschland - dargestellt als starken, ehrlichen Arbeiter -, das im Westen durch einen fetten, plutokratischen John Bull bedroht ist und im Osten durch einen brutalen, barbarischen, bolschewistischen Kommissar. Jedoch sind diese beiden feindlichen Kräfte bloße Marionetten. Über den Rand des Globus, die Marionetten fest in der Hand, späht der Jude. Betrachtet man die besonderen Charakteristika der Macht, die der moderne Antisemitismus den Juden zuordnet - nämlich Abstraktheit, Unfaßbarkeit, Universalität, Mobilität - dann fällt auf, daß es sich hierbei um Charakteristika der Wertdimension jener gesellschaftlichen Formen handelt, die Marx analysiert hat.“ Teil und teilweise Motor dieser gesellschaftlichen Umstrukturierungen ist auch das organisierte Proletariat, wodurch Sozialdemokratie und kommunistische Bewegung ebenfalls zum Ziel des modernen Antisemitismus werden können. Gerade die scheinbare Undurchschaubarkeit der Prozesse im Kapitalismus liefert das von Marx im Kapital so beschriebene „notwendig falsche Alltagsbewusstsein“. Postone versucht in seiner Theorie, eine der Hauptkategorien der Marxschen Analyse auch für den Antisemitismus in Stellung zu bringen: den Fetischcharakter der Ware. Die Produzenten der Waren treten sich nicht als Subjekte gegenüber, sondern die Waren werden erst über ihren Tauschwert zu einer gesellschaftlich anerkannten Größe. So verschwinden die produzierenden Menschen hinter Ketten des Warenaustausches bis zur Unkenntlichkeit. Die Subjekte der Produktion werden zu Objekten des Warenaustauschs, sie selbst werden mit ihrer Arbeitskraft zur Ware und eine direkte Vermittlung zwischen Schaffenden und Konsumenten findet nicht statt. Die Gesetze kapitalistischer Produktion, wie z.B. der Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft oder zur Expansion in der Konkurrenz, um konkurrenzfähig zu sein und um Kapital zu vermehren, erscheinen als den Menschen äußerliche Sachzwänge, die zwar von ihnen ertragen und getragen, aber nicht verändert werden können. Es war eine der besonderen Stärken des Analytikers und Revolutionärs Karl Marx, dass er diese Gesellschaftsformation als „geschichtlich und überwindbar“ beschrieb. Das verdrehte „notwendig falsche Bewusstsein“ schimpft zwar auf die Auswirkungen kapitalistischer Vergesellschaftung, versucht aber auch vergeblich die Schuldigen zu fixieren. "So kann das industrielle Kapital als direkter Nachfolger „natürlicher“ handwerklicher Arbeit auftreten und, im Gegensatz zum „parasitären“ Finanzkapital, als „organisch“ verwurzelt. Seine Organisation scheint der Zukunft verwandt zu sein; der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem es sich befindet, wird als eine übergeordnete organische Einheit gefaßt: Gemeinschaft, Volk, Rasse. Kapital selbst - oder das, was als negativer Aspekt des Kapitalismus verstanden wird - wird lediglich in der Erscheinungsform seiner abstrakten Dimension verstanden: als Finanzund zinstragendes Kapital.", so Moishe Postone. In diese „Verantwortungslücke“ passten die historisch bereits permanent ausgegrenzten in Europa und den USA verstreut lebenden Juden. Das scheinbar Undurchschaubare bringt für Postone noch einen weiteren Faktor hervor. Die bürgerlichen Revolutionen schaffen Nationalstaaten, die sich nun per „Vernunft“ legitimieren müssen. Und unzählige „Wissenschaftler“ fangen an zu sortieren, wer zu diesem „in Grenzen normierten“ Volk gehört und wer nicht und warum. Der völkische Rassismus ordnet und legitimiert Grenzen, imperialistische Bestrebungen, unterscheidet pseudowissenschaftlich „starke“ von „schwachen Rassen“ bis zur wahnhaften Steigerung der Kategorien wie „Volksgesundheit, Arier“ und in der Umkehrung „unwertes Leben, Arbeitsscheue und der konstruierten Gegenrasse: die Juden“.
Auf der einen Seite waren diese verstreut lebenden jüdischen Menschen StaatsbürgerInnen, aber sie waren nicht gleichzeitig "VolksgenossInnen". Noch mal Moishe Postone: "In Europa war jedoch die Vorstellung von der Nation als einem rein politischen Wesen, abstrahiert aus der Substantialität der bürgerlichen Gesellschaft, nie vollständig verwirklicht. Die Nation war nicht nur eine politische Entität, sie war auch konkret, durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Traditionen und Religion bestimmt. In diesem Sinne erfüllten die Juden nach ihrer politischen Emanzipation als einzige Gruppe in Europa die Bestimmung von Staatsbürgerschaft als rein politischer Abstraktion. Sie waren deutsche oder französische Staatsbürger, aber keine richtigen Deutschen oder Franzosen. Sie gehörten abstrakt zur Nation, aber nur selten konkret." und: "Der „antikapitalistische“ Angriff bleibt jedoch nicht bei der Attacke auf das Abstrakte als Abstraktem stehen. Selbst die abstrakte Seite erscheint vergegenständlicht. Auf der Ebene des Kapitalfetischs wird nicht nur die konkrete Seite naturalisiert und biologisiert, sondern auch die erscheinende abstrakte Seite, die nun in Gestalt des Juden wahrgenommen wird. So wird der Gegensatz von stofflich Konkretem und Abstraktem zum rassischen Gegensatz von Arier und Jude. Der moderne Antisemitismus besteht in der Biologisierung des Kapitalismus - der selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird - als internationales Judentum.“
Der Hass auf das Abstrakte kehrt das „schwachsinnige“ notwendig falsche Bewusstsein in eine glühende Verehrung des Konkreten, des scheinbar Erkennbaren. Die konkrete Arbeit wird fast auf religiöse Art mystifiziert, der möchte-gern-starke, männerbündelnde (muskel-)bepackte Mann/Arbeiter/Soldat mit Blick zum Horizont ist das antiemanzipatorische Symbol eines „verkürzten Antikapitalismus“ geworden.



Das Land der Richter und Henker

Doch warum kam es in Deutschland zu dem wahnhaftesten Ausbruch eines sonderbaren „notwendig falschen Bewusstseins“, dass natürlich nicht zwangsläufig so wahnhaft sein musste? Nicht jedes notwendig falsche Bewusstsein ist per se antisemitisch, viele trotzige MenschenfreundInnen zeigen eine gewisse Immunität gegen jegliche Formen von Biologismen und Rassismen. Die Erklärungsansätze können also nicht als mathematische Gesetze gelesen werden, sondern gleichen eher chemischen Formeln, die nur in bestimmten Aggregatszuständen eine Wirklichkeit erhalten. So kommen wir nicht umhin, nach dem historisch Eigensinnigen des „Teutschen“ zu fahnden. Adorno/Horkheimer schweigen sich zu dem Thema aus. Sie verweigertem aus wissenschaftlichem Anspruch „nationale Kategorien“. In der neueren Literatur zum Thema fällt das Buch: „Wahn und Freiheit deutscher Arbeit“ auf, das vor allem in Verbindung mit Postones Thesen den deutschen Einzelfall herleitet und einige geschichtliche Befunde beisteuert.
So sehen die AutorInnen Holger Schatz und Andrea Woeldike bereits in der Zeit Luthers und durch den Lutherismus die Grundlegung des Fetischs des Konkreten: der „deutschen Arbeit.“ Hinter dem warmen Ofen lauert der schmarotzende Jude als das Gegenbild zum im Angesicht Gottes bei der Arbeit schwitzenden und betenden christlichen Deutschen. Bemerkenswert ist die historische Umbruchsituation. Bauernheere versuchen die Revolution gegen Pfaffen und Adel, werden geschlagen und als Surrogat bieten die Herrschenden die Verschiebung der Verantwortlichkeit für das Elend an. Es ist eine Dienstbarmachung einer selbstgeglaubten Lüge. Luther war glühender Anhänger eines religiös motivierten Antisemitismus, gleichzeitig setzt sich in Deutschland die von Max Weber so bezeichnete „protestantische Arbeitsethik“ durch. Die Kombination aus den Tugenden der „deutschen Arbeit“ (Disziplin, Pünktlichkeit, Genauigkeit), die predigtenartig von den Kanzeln der Kirchen wie der Politik den Menschen erreichen, wird zum Grundfundament einer deutschen Identitätskonstruktion vor allem nach historischen Niederlagen emanzipatorischer Bestrebungen. Während im angelsächsischen Puritanismus und auch im Calvinismus dem Erfolgreichen Gottes Stunde schlägt, wird der deutsche Gläubige nur bestehen, wenn er im Schweiße seines Angesichts ... !
Wir kennen das alle noch heute – es bleibt nicht ohne Spuren, wenn Generationen von Menschen Schillers „Glocke“ eingetrichtert wird. Arbeit wird als rituelle Reinigungsoption in der deutschen Kultur aufgenommen. Uns ist allerdings noch nicht klar, warum sich in Deutschland der lutherische Protestantismus durchsetzte und nicht eine andere Form. Erneut erreicht Deutschland Mitte des 19ten Jahrhunderts eine Umbruchsituation. Die deutsche bürgerliche Revolution von 1848 geht jämmerlich verloren und das deutsche Nationengebilde wird von der preußischen Herrschaft von oben eingerichtet. Die Gründerjahre ab 1871 erleben zwar einen Boom, aber gleichzeitig den ersten großen Börsenkrach 1873. Unter den proletarischen Familien und im Kleinbürgertum findet sich großes Elend. Die noch revolutionäre Sozialdemokratie kann einen ungeheuren Aufwind verbuchen, aber auch der moderne Antisemitismus erfährt seine Geburtsstunde und 1879 kann mensch im Blatt Deutsches Handwerk und historisches Bürgertum lesen: „Die soziale Frage ist die Judenfrage!“ Der christlich motivierte Antisemitismus wird nun durch den modernen Antisemitismus überformt.
Viele AutorInnen sind sich einig: Es gab danach kein „Abflauen des Antisemitismus“ mehr bis zur NAZI-Diktatur. Die „Germanische Götterdämmerung“ des „Manchester-Kapitalismus“ und des „Bolschewismus“ wird „Arbeit macht frei“ mit „Vernichtung“ koppeln.



Die (Teil-)Rationalität der Vernichtung

Es wäre ein großes Missverständnis, wenn diese Erklärungsversuche so gelesen würden, als würden sie den Versuch darstellen, den Faschismus oder gar den deutschen Nationalsozialismus als das Werk von einigen kranken Irren und Wahnsinnigen zu zeigen. Psychisch Kranke wären auch nur auszumachen, wenn sie sich von der gesellschaftlich akzeptierten Norm unterscheiden würden. Pathologien des Sozialen, wie der Sozialpsychologe Axel Honneth eine solche größere umfassende Massenpsychose nennen würde, sind leider gesellschaftlich nur schwer zu isolieren, sie haben Kraft wie eine Religion.
Der strukturelle Wahnsinn hatte auch Methode: Biedermann und Brandstifter gaben sich die Hand. Wo das wuchernde, parasitäre Geld aufs Erkenntnisvermögen drückt, ist der Boden für kalkulierte Propaganda bereitet: Antisemitismus ist auch ein Projekt der antiemanzipatorischen Kräfte. Allerdings ist die Rechnung sehr kompliziert. Häufig findet sich das Argument, dass die Vernichtungspraxis der NAZIS keine ökonomische Basis hatte in dem Sinne, dass gar kein ökonomischer Mehrwert dabei herausgekommen sei. Adorno/Horkheimer schrieben: „Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt.“ Für sie ist die Rationalität des Terrors eine reine Machtrationalität der Herrschenden: „Die Arisierung des jüdischen Eigentums, die ohnehin meist den Oberen zugute kam, hat den Massen im Dritten Reich kaum größeren Segen gebracht als den Kosaken die armselige Beute, die sie aus den gebrandschatzten Judenvierteln mitschleppten. Der reale Vorteil war halbdurchschaute Ideologie. Daß die Demonstration seiner ökonomischen Vergeblichkeit die Anziehungskraft des völkischen Heilmittels eher steigert als mildert, weist auf seine wahre Natur: es hilft nicht den Menschen, sondern ihrem Drang nach Vernichtung. Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv.“
Die Machtrationalität ist aber vielleicht doch nicht die einzige Variante von „was habe ich davon?“ Biedermann versprach sich Aufstiegschancen, eine gesicherte ökonomische Existenz und eine größere arisierte Wohnung und zwei Sorten Brandstifter, die NAZIS und das expandieren wollende deutsche Kapital fanden im jeweils anderen einen Verbündeten. Ergänzend versuchen die Autoren Heim/Aly eine längerfristige ökonomische Perspektive sichtbar zumachen. Der deutsche Nationalsozialismus stelle einen Versuch dar, innerhalb der kapitalistischen, imperialistischen Konkurrenz durch einen gewonnenen Weltkrieg, eine industrielle Modernisierung und eine neue Weltordnung nach deutsch-völkischen Erlösungskategorien den deutsch-nationalen Kapitalien das Größtmögliche an Profit zu organisieren. Da wäre der Nationalsozialismus wahrlich eine Teufelsfratze des Kapitalismus, in seiner imperialistischen Maßlosigkeit.
Keiner der Erklärungsansätze kann uns zwingend nachweisen, das Auschwitz „notwendigerweise“ passieren musste. Auschwitz verbleibt als eliminatorische Potenz, als letzte Konsequenz einer sozialdarwinistischen Praxis, die eine der denkbaren sonder- und furchtbaren Spielarten des „notwendig falschen Bewusstseins“ im Kapitalismus ist. Bisher ist sie trotz vieler grausamer Zwischenspiele des autoritären Kapitalismus in der Dimension einzig geblieben.


Ist der Schoß noch fruchtbar?


Wie Hannah Arendt bei ihrem Besuch in der gerade gegründeten Bundesrepublik 1950 feststellte, ist die ständige Geschäftigkeit des Deutschen dessen trainierte Form der Verdrängung der Wirklichkeit. Den Nationalsozialisten gelang es, die entfremdete Arbeit zu erotisieren – trotz der Niederlage im II. Weltkrieg konnte sich der Rest des „gesunden Volkskörpers“ auf seine Untugend zurückbesinnen – auf die konkrete Arbeit! Ob nur projiziert oder auch im übergroßen Anteil der Bevölkerung wirklich vorhanden, die Arbeitswut ist trotz der Maulwurfsarbeit der Gegenkultur in den Siebziger und Achtziger Jahren ungebrochen ein Urkeim deutscher Identitätskonstruktion. Um sich „gut“ - sprich überlegen - zu fühlen, ist dieses Bild des tüchtigen Michel immer begleitet von Ausgrenzungsprozessen und Hasstiraden gegen die „Nicht-Arbeiter“, das sind auch heute die Intellektuellen, die Heimatlosen, die Arbeitslosen. Das „böse jüdische Finanzkapital“ wird bereits wieder als Feindbild in anti-US-amerikanischen und antiisraelischen Kampagnen von einer Koalition von Neurechten bis antiimperialistischen Linken beschworen. Die von Adorno/ Horkheimer beschriebene Kulturtechnik, in der Krise der Aufklärung als Ersatzreinigung lieber die Schwachen zu erniedrigen und „beiseite zu schaffen“, hat ihre Attraktivität in breiten Kreisen der Post-Germanen nicht verloren. Trampert/Ebermann warnen: „Mit dem Ruin des Realsozialismus dankte der Bolschewismus als Feindbild ab. An seine Stelle ist die Fiktion einer globalen Bedrohung Deutschlands getreten, die sich aus regressiven Mustern speist. Es droht die gelbe Gefahr, aus dem Osten wuchern unzählige Mafiaorganisationen ins Land, und aus dem Westen untergräbt der angloamerikanische Kommerzgedanke die deutsche Kultur.
Über allem wirkt das fremde, dunkle, unheilvolle, globale Finanztum. Die Wurzeln für eine moderne deutsche Massenpsychose sind gepflanzt. Wir haben wieder das schaffende nationale und das raffende internationale Kapital, wir haben einen nach außen und nach innen immer aggressiveren deutschen Staat als Opfer einer globalen Entwicklung. Wenn das nicht alle wieder zusammenrücken lässt, um den nationalen Standort , der früher Vaterland hieß, wehrhaft zu verteidigen, was dann?“
Wehret den Anfängen? Über dieses Stadium ist dieses Land bereits deutlich hinaus.
Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahre 1998 kam zu dem Ergebnis, dass 20% der Deutschen latente AntisemitInnen sind. Dabei wurden nur diejenigen so eingestuft, die mindestens sechs von zwölf Aussagen mit antisemitischen Tendenzen für richtig hielten. Als Beispiele hier einige der Aussagen aus der Forsa-Befragung. Wieviel Befragte den Aussagen zustimmten steht in Klammern: „Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen nicht ganz unschuldig.“ (17 %); „Man kann schon am Aussehen erkennen, ob jemand Jude ist oder nicht.“ (18%); „Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht recht zu uns.“ (18%); „Juden haben in der Welt zuviel Einfluß.“ (21%); „Macht und Einfluß der Juden in der Gesellschaft stehen in keinem Verhältnis zum Anteil der Juden in der Gesamtbevölkerung.“ (38%). Einer oder mehreren dieser Behauptungen haben zugestimmt: 61%. Auch wenn sich keine explizit nationalsozialistische Partei im Bundestag befindet, so ist der gewaltige Rechtsruck der etablierten SPD/CDU/CSU/FDP/PDS/Grüne, inkl. Gewerkschaften und deren national-völkische Argumentationen, ein deutliches Merkmal in eine bedenkliche Richtung. Einige blinken links und biegen rechts ab, denn eine personalisierende Kapitalismuskritik verkennt nicht nur den Charakter des Kapitalismus als System, sondern versucht sich mit der Suche nach Schuldigen und Bösewichten um eine rationale Analyse herumzudrücken. Eine solche ist nämlich unbequem und würde die eigene Verstrickung in das System zutage fördern und zeigen, daß mensch selbst auch nicht außerhalb des warenproduzierenden Systems steht und stehen kann. Sie würde zudem die z.B. von der Organisation Attac (TrotzkistInnen bis UmweltaktivistInnen) betriebene Bündnispolitik mit den Klein- und Mittelbetrieben, die als dem „globalen Finanzkapital“ antagonistisch gegenüberstehend gedacht werden, verunmöglichen. Genau diese Analyse ist aber unbedingte Voraussetzung, damit sich „Globalisierungskritik“ zu einer fortschrittlichen Kapitalismuskritik entwickelt und nicht in Ressentiments gegen eine Gruppe vermeintlich Schuldiger umschlägt, seien diese Schuldigen nun als „internationale Finanzkapitalisten“, „Juden“ oder in Südostasien als „Chinesen“ gedacht. Die strukturelle Ähnlichkeit einer solch verkürzten Kapitalismuskritik mit einem antisemitischen Weltbild, das einer Gruppe allmächtiger Menschen alles Böse dieser Welt zuschreibt, ist unübersehbar. Diese personalisierende Kapitalismuskritik fördert das Ressentiment und nicht die Kritik. Wer nicht vom Kapitalismus reden will, soll vom Antisemitismus schweigen!
Adorno/Horkheimer schreiben in der „Dialektik der Aufklärung“: „Die Umwendung hängt davon ab, ob die Beherrschten im Angesicht des absoluten Wahnsinns ihrer selbst mächtig werden und ihm Einhalt gebieten. In der Befreiung des Gedankens von der Herrschaft, in der Abschaffung der Gewalt, könnte sich erst die Idee verwirklichen, die bislang unwahr blieb, daß der Jude ein Mensch sei. Es wäre der Schritt aus der antisemitischen Gesellschaft, die den Juden wie die andern in die Krankheit treibt, zur menschlichen. Solcher Schritt erfüllte zugleich die faschistische Lüge, als deren eigenen W iderspruch: die Judenfrage erwies sich in der Tat als Wendepunkt der Geschichte. Mit der Überwindung der Krankheit des Geistes, die auf dem Nährboden der durch Reflexion ungebrochenen Selbstbehauptung wuchert, würde die Menschheit aus der allgemeinen Gegenrasse zu der Gattung, die als Natur doch mehr ist als bloße Natur, indem sie ihres eigenen Bildes innewird. Die individuelle und gesellschaftliche Emanzipation von Herrschaft ist die Gegenbewegung zur falschen Projektion, und kein Jude, der diese je in sich zu beschwichtigen wüßte, wäre noch dem Unheil ähnlich, das über ihn, wie über alle Verfolgten, Tiere und Menschen, sinnlos hereinbricht."