Selbstdarstellung


 

 

 

 

 

 

 

Christian Stock

Antipoden der Emanzipation


 

 

 

Der 11. September ist in jeder Hinsicht ein großer Rückschritt auf dem schwierigen Weg zu einer befreiten Gesellschaft gewesen. Deshalb ist die „klammheimliche Genugtuung“ mancher Linker in Nord wie Süd darüber, dass wichtige Symbole des Kapitalismus und der militärischen Macht getroffen wurden, so skandalös. Auch dass die Anschläge nur ein gewaltförmiges Ereignis unter vielen mindestens genauso schlimmen sind - worauf viele Linke jetzt glauben hinweisen zu müssen -, tröstet nicht im geringsten.

Henryk M. Broder - ein streitbarer Polemiker und Freund Israels - brachte im SPIEGEL einige Tage nach den Ereignissen in den USA auf den Punkt, warum die Reaktionen vieler Linker so empörend sind: „Jetzt warte ich nur noch darauf, dass irgendeine edle Seele aufsteht und sagt, die Anschläge (...) müssten im Zusammenhang mit dem Kampf der Dritten Welt gegen die Erste gesehen werden. Wetten, dass es im Laufe der nächsten Tage passieren wird (...)? Es gibt ein Milieu in Europa, das den Einsatz von Feuerwerkskörpern zu Silvester unschön findet und den „Staatsterrorismus“ verurteilt, aber für individuelle Akte des Terrors durchaus Sympathien empfindet, vorausgesetzt, sie spielen sich nicht vor der eigenen Wohntür ab, also im Baskenland, Irland oder Palästina.“

Man kann Broder eigentlich nur vorwerfen, dass er nicht ordentlich recherchiert hat: Schon am Tag nach dem Anschlag erschien in der linken Zeitung junge Welt ein Kommentar mit dem Titel „Nord-Süd-Krieg“, in dem unter Verweis auf die Vordenker der Dritten Welt von Franz Fanon bis Nelson Mandela die These vertreten wird, der Krieg des Nordens gegen den farbigen und armen Süden kehre nun in die Zentren der Industriestaaten zurück. Noch schneller reagierte ein Mitstreiter des Attac-Netzwerkes: Keine zwei Stunden nach den Ereignissen verbreitete er in der Mailing List von Attac, wer die wahren Schuldigen sind: „Den ‚Terrorismus-Super-Gau’, wie nun wohl die offizielle mediale Sprachregelung lautet, verdanken wir zum mindestens erheblichen Teil dem Gespann Sharon-Bush. (...) Die Nachhaltigkeit, mit der Sharon die Palästinenser knüppelt - wenn nicht massakriert - hat die Praxis der Selbstmordanschläge zum Ergebnis gehabt und sie entwickelt.“

Eine solche haarsträubende Rationalisierung von Wahnsinnstaten kann nur auf Grundlage eines unerschütterlichen, jederzeit abrufbaren Weltbildes geleistet werden. In diesem Fall handelt es sich um den Antiimperialismus, der das Böse und den zu bekämpfenden Feind schon immer mit mindestens so präziser Eindeutigkeit zu lokalisieren vermochte, wie es nun den USA vorgeworfen wird. Vor unsäglichen historischen Analogien wird dabei nicht zurückgeschreckt. Im erwähnten junge Welt-Kommentar wird apodiktisch verkündet, die zu erwartenden „militärischen Vernichtungsaktionen“ der USA würden dem Terror mit einer Konsequenz folgen, „mit der die Nazis den Reichstagsbrand nutzten“. In den folgenden Tagen waren nicht nur die Beiträge in der jungen Welt, sondern auch viele der unzähligen Friedensaufrufe aus dem linken Milieu von unverhülltem Antiamerikanismus und expliziter Israelfeindschaft gekennzeichnet. Die Stellungnahme der Antiimperialistischen Koordination aus Wien liest sich gar wie eine Rechtfertigung der Anschläge: „Wer wirklich den Frieden will, muss zuerst den Imperialismus beseitigen. Alles andere ist Geschwätz, dass zur Einlullung und Vergiftung der öffentlichen Meinung im Westen dient...“

Dieser gegenwärtige „die-USA-sind-selber-schuld“-Diskurs ist nicht in der Lage, die essentielle Unterscheidung zwischen der Objektivität einer gewaltförmigen (US-)Machtpolitik als Ausdruck der Totalität kapitalistischer Vergesellschaftung einerseits und ihrer Subjektivierung mittels einer verdinglichenden und personalisierenden Interpretation als spezifischer „Yankee-Imperialismus“ andererseits vorzunehmen. Will heißen: Die Übel der kapitalistischen Weltunordnung vor allem an den USA festzumachen, ist schon vom Ansatz her falsch gedacht. Zu universal ist ideologische Akzeptanz des Kapitalismus, zu viele Nutznießer - Staaten wie Individuen - gibt es, als dass sich die dichotomisierende Interpretation der Welt von den destruktiven USA und den von ihnen unterdrückten Ländern aufrechterhalten ließe. Dass die USA eindeutiger als andere Staaten die Glücksversprechen wie auch die dunklen Seiten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung symbolisieren, geht darauf zurück, dass der american way of life in der ganzen Welt zur Projektionsfläche für die eigenen Sehnsüchte und Ängste, für die unterschiedlichen Auffassungen von Gesellschaft geworden ist. Das aber hat nur sehr bedingt mit der objektiven Verfasstheit von US-Gesellschaft und -Politik zu tun, sondern sagt mehr über das gespaltene Bewusstsein ihrer Interpreten. Die so widersprüchlich erscheinende Hassliebe der restlichen Welt gegenüber den USA hat ihren Ursprung in dem (unbewussten) Wissen, dass die USA zugleich Spiegel- und Zerrbild des Eigenen sind.

Zweifellos muss die in diesen Tagen zunehmende rassistische Diskriminierung ‚arabischer’ Menschen zurückgewiesen werden. Doch darf dies nicht bedeuten, in falsch verstandener Solidarität eine scharfe Kritik an islamistischen Ideologemen zu unterlassen. Ob die Attentate in den USA tatsächlich von islamistisch gesinnten Gruppen verübt wurden oder nicht, ist dabei zweitrangig. Schon die zunehmenden (Selbstmord-)Anschläge gegen Israel offenbarten, dass es mittlerweile im islamistischen Milieu eine hochgradig gefährliche Mischung aus politischen Wahnvorstellungen, selbstzerstörerischer Energie und hoch entwickelten technischen Fertigkeiten zur Verwirklichung noch der unvorstellbarsten Attentate gibt. Sie wurden von der deutschen Linken viel zu wenig thematisiert wurden - auch von der iz3w und vom BUKO nicht, wie wir selbstkritisch eingestehen müssen.

Der ebenfalls grassierende „der-Islamismus-ist-doch-nur-eine-Antwort-diskriminierter-Gruppen-auf-die-imperialistische-Unterdrückung“-Diskurs blamiert sich an der Realität, dass islamistisch gesinnte Gruppen und Regierungen ein Mittelschichtsphänomen sind und in erheblichem Ausmaß von Eliten installiert und protegiert werden. Wo immer sie über Macht verfügen, üben sie eine Schreckensherrschaft aus und nehmen ganze Gesellschaften in Geiselhaft. Die Frage, ob eine solche Einschätzung vor allem auf Feindbildern oder auf rassistischen Wahrnehmungen beruht, kann mittlerweile eindeutig verneint werden.
Man sollte sich bei der scharfen Kritik des Islamismus sicherlich nicht zu Absurditäten hinreißen lassen wie etwa die Redaktion der antideutschen Zeitschrift Bahamas, die in ihrer Stellungnahme zu den Anschlägen dem Koran eine ähnliche Rolle nachsagt wie Hitlers „Mein Kampf“. Natürlich sollte man weiterhin auf dem Unterschied zwischen Islam und Islamismus bestehen. Aber es ist überfällig, dass die Linke zumindest letzteren in aller Eindeutigkeit als jeglicher sozialer Emanzipation diametral entgegengesetzt begreift und entsprechende Konsequenzen daraus zieht. Dazu gehört, die radikale Kritik des Islamismus nicht reflexartig als „eurozentrisch“, „rassistisch“ oder „kriegstreiberisch“ abzuqualifizieren und sie dadurch abzuwehren, wie es in den letzten Tagen häufig zu beobachten ist. Die Kritik am Islamismus wird doch nicht allein dadurch diskreditiert, dass sie bislang vor allem von bürgerlichen PublizistInnen und Menschenrechtsorganisationen vorgebracht wurde (und wird). Diese haben die islamistische Gefahr immerhin schon frühzeitig ernst genommen, während die Linke in ihrer Mehrheit noch immer auf den Erzfeind „USA“ eingeschworen ist und Israel nurmehr als Haupthindernis für Frieden in Nahost wahr nimmt.

Wie realitätsblind große Teile der Linken (nicht nur in Deutschland) in Bezug auf den Islamismus sind, zeigt die bereitwillige Aufnahme der im Internet kursierenden Falschmeldung, die CNN-Bilder von den jubelnden PalästinenserInnen stammten aus dem Jahr 1991 und seien daher eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit. Was nicht sein darf, kann nicht sein, lautet das darin zum Ausdruck kommende Credo - und wehe, die bürgerlichen Medien vergreifen sich am Objekt ‚unserer’ inter-nationalistischen Solidarität. Ob alle, die die oben genannte Falschmeldung im Brustton der Empörung weiter kolportiert haben, nun vor Scham rot werden und sich zumindest in den nächsten Wochen aller politischen Äußerungen enthalten? Wohl kaum, schließlich wähnt man sich auf der moralisch und politisch korrekten Seite, und wie bei jeder binären Logik hat auch hier die Vernunft schon längst verloren.

Ein weiterer der vielen bitteren Schlüsse, die aus den Anschlägen und den daraus folgenden politischen Entwicklungen gezogen werden müssen, lautet, dass sich das Anliegen sozialer Emanzipation derzeit darauf beschränken muss, die bürgerlichen Menschenrechtskonzeptionen gegen die menschheitsfeindlichen Angriffe wahnhafter Kollektive zu verteidigen. Über die leeren Versprechen und Widersprüchlichkeiten des bürgerlichen Menschenrechtsbegriffes darf man sich natürlich keinerlei Illusionen hingeben. Doch in Zeiten, in denen selbst minimalste Grundrechte wie körperliche Unversehrtheit allenthalben außer Kraft gesetzt werden, bleibt nichts anderes als ihre kompromisslose Verteidigung - auch und gerade gegen jene Linke, die meinen, eine Gewalt rationalisieren und verstehbar machen zu müssen, die jeglicher Vorstellung von Vernunft und Emanzipation fundamental entgegensteht.