Selbstdarstellung


 

Auf dem Kongreß der CNT (Spanien) in Zaragoza vom 1.-15. Mai 1936 wurde der nachfolgende Text als Rahmenprogramm verabschiedet.

 

Das Konzept des

Libertären Kommunismus

 

Allen Delegationen, die an diesem Kongreß teilnehmen, ist allgemein bekannt, daß im Schoße der C.N.T. zwei klar ausgeprägte Ansätze bestehen, den Sinn des Lebens zu deuten und die Grundlagen für die ökonomische Struktur nach der Revolution zulegen. Diese verschiedenartigen Konzeptionen sind ohne Zweifel auf theoretische und philosophische Ansichten zurückzuführen, die, wenn sie die Militanten erfassen, zwei feststehende Denkrichtungen hervorbringen. Beide Richtungen versuchen, tonangebend zu werden. Es gäbe keine Probleme, wenn nicht das natürliche Streben nach Hegemonie dem Vorhandensein dieser zwei Tendenzen innerhalb der Konföderation widersprechen würde. Aber dieses unbeugsame und beständige geistige Streben muß sich mit neuer Kraft in unseren Reihen erst erwei­sen. Dieser Prozeß bringt ernsthafte Gefahren für die Einheit, die wir gerade erwähnt haben, mit sich. Um dem historisch bedeutungsvollen Moment gerecht zu werden, mußte deshalb mit der nötigen Ruhe und Gewissenhaftigkeit eine Formel gefunden werden, die die Ansichten und das Gedankengut beider Richtungen innerhalb der Konföderation und damit die Grundlage für ein neues Leben zum Ausdruck bringen konnte.

Wir erklären also:

Erstens: Als wir die Grundpositionen für die Abfassung dieser Denkschrift festlegten, haben wir uns darum be­müht, sie mit strengem Sinn für Harmonie und Ausgewogenheit auf den folgenden beiden Pfeilern zu begründen: Individuum und Gewerkschaft. Wir waren bestrebt, beide Richtungen und Konzeptionen gleichzeitig zu entwickeln.

Zweitens: Als Gegenstück zur ausdrücklichen Garantie der Harmonie weisen wir auf die darin enthaltene Aner­kennung der individuellen Souveränität hin. Von dieser Voraussetzung aus — bei der die Freiheit gegen alle Beeinträchtigungen verteidigt wird und oberstes Prinzip bleibt — müssen wir die verschiedenen Einrichtungen bestimmen, die im Leben unter Berücksichtigung der gege­benen Umstande den Bedarf regeln sollen.

Wenn aller sozialer Reichtum vergesellschaftet und der Besitz der Arbeitsinstrumente in einer Form garantiert ist, die allen die gleiche Möglichkeit zu produzieren verschafft, eine Möglichkeit, die sich in eine Pflicht verwandelt, um überhaupt eine Anwartschaft auf das dem Selbsterhaltungstrieb entsprechende Recht zum Konsumieren zu erhalten — wenn dieser Punkt erreicht ist, dann tritt das anarchistische Prinzip der freien Übereinkunft auf den Plan, um zwischen den Menschen die Trag­weite, die Dauer und die Verwirklichung einer solchen Übereinkunft zu regeln. So muß das Individuum als juristische Persönlichkeit und als Grundeinheit aller späteren Organisationsformen, die die Freiheit und Macht der Föderation noch hervorbringen werden, Rahmen und Nomenklatur der neuen Gesellschaft der Zukunft bestimmen. Wir alle müssen bedenken, daß es absurd wäre, die Gesellschaft der Zukunft mit mathematischer Präzision konstruieren zu wollen, denn oftmals besteht zwischen Theorie und Praxis ein wahrer Abgrund. Deshalb verfallen wir nicht dem Irrtum der Politiker, die endgültige Lösungen für alle Probleme präsentieren, Lösungen, die dann in der Praxis mit Getöse in sich zusammenbrechen.

Die Politiker scheitern, weil sie, ohne die Entwicklung des menschlichen Lebens selbst zu berücksichtigen, glauben, daß eine einzige Methode für alle Zeiten gelten könne. Diesen Fehler werden wir nicht begehen, die wir über eine entwickeltere Sicht der sozialen Probleme verfü­gen. Wenn wir die Leitvorstellungen des freiheitlichen Kommunismus entwerfen, präsentieren wir ihn nicht als ein geschlossenes Programm, das keine Änderungen zu­läßt. Diese werden logischerweise erforderlich sein, und die Notwendigkeiten und Erfahrungen selbst werden die entsprechenden Anregungen dazu geben. Obgleich es den Anschein haben könnte, als ob wir uns damit etwas außerhalb des uns vom Kongreß erteilten Mandats bewegen, halten wir es für erforderlich, ein wenig näher auf die Einzelheiten unseres Revolutionskonzepts einzugehen und die wichtigsten Prämissen auf­zuzeigen, die unserer Meinung nach die Revolution bestimmen können und müssen. Schon zu lange hat man die Redensart geglaubt, derzufolge die Revolution nichts anderes als eine gewalttätige Episode sei, die mit dem kapitalistischen Regime aufräume. In Wirklichkeit aber ist die Revolution ein Phänomen, das einem Zustand der Dinge Bahn bricht, der schon seit langem im kollektiven Bewußtsein verankert war. Die Revolution beginnt deshalb in dem Augenblick, in dem nach Feststellung des tatsächlich vorhandenen Unterschieds zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem individuellen Bewußtsein das letztere sich, sei es nun aus Instinkt oder nach einer Analyse, gezwungen sieht, gegen die erstere vorzugehen. Kurz gesagt, beginnt deshalb die Revolution unserer Meinung nach folgendermaßen:

Erstens: Als psychologisches Phänomen, das gegen einen bestimmten Zustand der Dinge gerichtet ist, der im Wi­derspruch zu den Wünschen und Bedürfnissen des einzel­nen Menschen steht..

Zweitens: Als soziale Manifestation, wenn sie mit den Gegebenheiten des kapitalistischen Staates in dem Au­genblick zusammenstößt, da sich obige Reaktion in der Gemeinschaft durchsetzt.

Drittens: Als Organisation, weil sie spürt, daß ein Machtinstrument geschaffen werden muß, das in der Lage ist, die Verwirklichung ihres biologischen Zieles durchzusetzen.

Folgende Faktoren der äußeren Ordnung verdienen besonders herausgestellt zu werden:

a) Verschwinden der Ethik, die als Grundlage des kapitalistischen Regimes dient.

b) Bankrott dieses Regimes auf wirtschaftlichem Gebiet.

c) Scheitern der politischen Form des kapitalistischen Regimes, sowohl was die Demokratie als auch was seine letzte Ausformung, den Staatskapitalismus, angeht, der nichts anderes als der autoritäre Kommunismus ist.

Wenn alle diese Faktoren an einem Punkt und zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammentreffen, dann ist das der geeignete Moment für das gewaltsame Ereignis, das die Periode tatsächlicher revolutionärer Entwicklung einleiten wird. Da wir glauben, daß wir gerade in diesem Augenblick leben, in. dem alle genannten Faktoren erfolgversprechend Zusammentreffen, haben wir es für notwendig gehalten, eine Denkschrift abzufassen, die in allgemeinen Linien die ersten Stützen jenes sozialen Gebäudes vorzeichnet, in dessen Schutz wir in Zukunft leben werden.

 

 

 

Konstruktive Vorstellungen von der Revolution

Wir sind der Meinung, daß unsere Revolution sich auf der Grundlage strikter Gleichheit organisieren muß. Die Revolution kann sich weder auf gegenseitige Hilfe noch auf die Solidarität oder auf den archaischen Be griff der Nächstenliebe gründen. Auf jeden Fall müssen diese drei Formeln, die im Lauf der Zeit die Unzulänglichkeit rudimentärer Gesellschaftstypen verdecken sollten, in denen der einzelne willkürlichen Rechtsauslegungen ausgeliefert war, einen neuen Inhalt bekommen und in Gestalt von neuen Normen für das menschliche Zu­sammenleben genau beschrieben werden. Im freiheitlichen Kommunismus liegt bereits die deutlichste Interpretation vor, nämlich jedem menschlichen Wesen das zu ge­ben, was seine Bedürfnisse erfordern, ohne daß die Befriedigung derselben andere Grenzen kennt als diejenigen, die sich aus den Erfordernissen der neu entstande­nen Wirtschaftsform ergeben. Wenn alle Wege, die nach Rom führen, den Wanderer in die Ewige Stadt bringen, dann führen alle Formen der Arbeit und der Güterverteilung, die sich von der Vorstellung einer egalitären Gesellschaft leiten lassen,zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und sozialer Har­monie. Deshalb sind wir der Meinung, daß sich die Revolution auf die sozialen und ethischen Prinzipien des freiheitlichen Kommunismus stützen muß. Diese sind:

Erstens: Die Bedürfnisse jedes menschlichen Wesens zu befriedigen, ohne daß diese Befriedigung anderen Beschränkungen unterliegt als denen, die mit der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zusammenhängen.

Zweitens: Von jedem Menschen entsprechend den Bedürfnissen der Gesellschaft den größtmöglichen Einsatz seiner Kräfte zu verlangen, wobei auf die physische und moralische Verfassung eines jeden Individuums Rücksicht genommen werden muß.

 

 

 

Die Organisation der neuen Gesellschaft nach der revolutionären Tat

Die ersten Maßnahmen der Revolution.

Wenn die gewaltsame Phase der Revolution beendet ist, werden für abgeschafft erklärt: das Privateigentum, der Staat, das Autoritätsprinzip und folglich auch die Klassen, die die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte teilen.Nachdem der Reichtum sozialisiert worden ist, werden die bereits freien Organisationen der Produzenten die direkte Verwaltung der Produktion und des Konsums übernehmen. Wenn in jeder Ortschaft die freiheitlichen Kommunen begründet worden sind, werden wir den neuen sozialen Mechanismus in Gang setzen. Die Produzenten eines jeden Wirtschaftszweigs oder Berufs, die sich in den Gewerkschaften und am Arzbeitsplatz zusammengeschlossen haben, werden frei über die Form entscheiden, in der er organisiert sein soll. Die freiheitliche Kommune wird all die Dinge übernehmen, die die Bourgeoisie früher zurückgehalten hat, wie zum Beispiel Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Rohstoffe, Werkzeuge etc. Diese Geräte sowie die Rohstoffe müssen in die Verfügungsgewalt der Produzenten übergehen, damit diese sie direkt zum Nutzen der Gemeinschaft verwalten können. In erster Linie werden sich die Kommunen um ein Höchstmaß an Bequemlichkeit für alle Einwohner einer jeden Ortschaft bemühen und die Hilfe für die Kranken und die Erziehung der Kinder sichern. In Übereinstimmung mit dem grundlegenden Prinzip des freiheitlichen Kommunismus werden, wie wir schon oben erwähnt haben, alle arbeitsfähigen Menschen ihre freiwillige Pflicht zu erfüllen beginnen — die sich in ein echtes Recht verwandeln wird, wenn der Mensch erst wirklich frei arbeitet — und entsprechend ihren Kräf­ten und Fähigkeiten ihren Beitrag zur Gemeinschaft lei­sten, während andererseits die Kommune zur Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Verpflichtung nachkommen wird. Es ist deshalb schon jetzt notwendig, deutlich darauf hin­zuweisen, daß die ersten Zeiten der Revolution nicht leicht sein werden und daß es notwendig sein wird, daß jeder äußerste Anstrengungen unternimmt und nur soviel konsumiert, wie die Leistungsfähigkeit der Produktion erlaubt. Jede Phase des Aufbaus erfordert Opfer sowie die individuelle und gemeinschaftliche Bereitschaft zu Anstrengungen, die darauf gerichtet sind, die widrigen Umstände zu überwinden und nicht Schwierigkeiten für die Aufbauarbeit jener Gesellschaft zu schaffen, die wir im Einverständnis mit allen verwirklichen werden.

 

 

 

Plan für die Organisation der Produzenten.

Der Plan für die ökonomische Organisation wird sich, so vielfäl­tig auch die nationale Produktion sein mag, nach den strengsten Prinzipien einer sozialen Wirtschaft richten — Prinzipien, die von den Produzenten direkt über die verschiedenen Organe der Produktion bestimmt, in Generalversammlungen der verschiedenen Organisationen verabschiedet und von diesen ständig kontrolliert werden.Als Grundeinheit (am Arbeitsplatz, in der Gewerkschaft, in der Kommune, in allen Lenkungsorganen der neuen Gesellschaft), als Ausgangspunkt und Eckstein aller so­zialen, wirtschaftlichen und moralischen Schöpfungen ist der Produzent, das Individuum anzusehen. Als verbindendes Organ innerhalb der Kommune und am Arbeitsplatz dient der Werks- und Fabrikrat, der mit den anderen Zentren der Arbeit eng zusammenarbeitet.Als verbindende Einrichtung von Gewerkschaft zu Gewerkschaft (Zusammenschluß der Produzenten) dienen die Räte für Statistik und Produktion, die untereinander wieder Föderationen bilden, bis ein enges und dauerhaftes Verbindungsnetz zwischen allen Produzenten der Iberischen Konföderation hergestellt ist. Auf dem Lande ist die Ausgangsbasis der Produzent in der Kommune, der zum Nutznießer aller natürlichen Reichtümer seines politischen und geographischen Bezirks wird.Als verbindendes Organ dient der Rat für Ackerbau, dem technisches Personal und Arbeiter der Vereinigungen landwirtschaftlicher Produzenten angehören werden, die beauftragt sind, die Intensivierung der Produktion da­durch zu fördern, daß sie die am besten für den Anbau geeigneten Ackerflächen nach deren chemischer Zusammensetzung bestimmen.

Diese Räte für Ackerbau werden. ein entsprechendes Netz von Verbindungen herstellen wie die Werks- und Fabrikräte sowie die Räte für Statistik und Produktion und so die freie Föderation ergänzen, die die Kommune als politischer Bezirk und geographische Unterteilung darstellt. Sowohl die Vereinigungen der Produzenten aus der Industrie als auch die Vereinigungen der landwirtschaftlichen Produzenten werden sich auf nationaler Ebene zu Föderationen zusammenschließen — solange Spanien das einzige Land sein wird, das seine soziale Umgestaltung verwirklicht hat -‚ wenn die, die durch den jeweiligen Arbeitsprozeß selbst voneinander getrennt sind, das im Sinne einer fruchtbaren Entwicklung der Wirtschaft für nützlich halten. In diesem Sinne werden sich auch jene Verwaltungsorgane zusammenschließen, deren besondere Merkmale einen Zusammenschluß nahelegen, um so die ver­nünftigen und notwendigen Verbindungen zwischen allen freiheitlichen Kommunen Spaniens zu erleichtern.

Wir sind der Überzeugung, daß die neue Gesellschaft mit der Zeit jede Kommune mit den für ihre Autonomie notwendigen landwirtschaftlichen und industriellen Kräften versehen wird, und zwar entsprechend dem biologischen Lehrsatz, demzufolge derjenige Mensch - in diesem Falle diejenige Kommune - am freiesten ist, der von den anderen am wenigsten braucht.

 

 

 

Die freiheitlichen Kommunen und ihre Arbeitsweise

Unsere politische Revolution stützt sich auf folgende drei Pfeiler: Individuum, Kommune und Föderation. In­nerhalb eines Gesamtplans aller wirtschaftlichen Aktivitäten, der die ganze Halbinsel erfassen soll, wird die Verwaltung absolut kommunalen Charakter haben.Die Grundlage dieser Verwaltung wird folglich die Kommune sein. Diese Kommunen werden autonom sein und auf regionaler und nationaler Ebene Föderationen bilden, um Ziele von allgemeiner Bedeutung verwirklichen zu können. Das Recht auf Autonomie schließt nicht die Pflicht aus, im Interesse der Allgemeinheit liegende Beschlüsse zu erfüllen, die nicht nur aus allgemeiner Wertschätzung gebilligt, sondern aus tiefer Einsicht akzeptiert worden sind. Eine Kommune von Verbrauchern ohne freiwillige Beschränkung wird sich also dazu bereit erklären, jene Normen von allgemeiner Gültigkeit zu beachten, die nach einer freien Diskussion von der Mehrheit angenommen worden sind. Dagegen können jene Gemeinschaften, die der Ein­beziehung in den Industrialisierungsprozeß Widerstand leisten und andere Arten des Zusammenlebens beschließen, wie zum Beispiel die Naturisten oder die Nudisten, das Recht auf eine autonome Verwaltung erhalten, die nicht den allgemeinen Kompromissen verpflichtet zu sein braucht. Da diese Kommunen von Naturisten, Nudisten oder andere Arten von Kommunen nicht all ihre Bedürfnisse befriedigen können, so begrenzt diese auch sein mögen, können ihre zu den Kongressen der Iberischen Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen entsandten Delegierten wirtschaftliche Übereinkünfte mit den übrigen agrarischen oder industriellen Kommunen abschließen.

Wir empfehlen also:

Die Einrichtung der Kommune als politische und administrative Einheit.

Die Kommune wird autonom und mit den übrigen Kommunen föderiert sein.

Die Kommunen schließen sich nach Landschaften oder Regionen zusammen, wobei es den einzelnen Kommunen überlassen bleibt, ihre geographischen Grenzen zu bestimmen, wenn es zum Beispiel notwendig erscheint, kleine Ortschaften, Siedlungen oder Weiler in einer einzigen Kommune zusammenzulegen. Die Gesamtheit dieser Kommu­nen wird eine Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen bilden. Damit die Verteilung der Produktion funktioniert und damit sich die Kommunen besser versorgen können, kann man zusätzliche Organisationen errichten, die in dieser Richtung tätig werden. Zum Beispiel: einen Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung, der aus direkten Vertretern der Nationalen Produzentenföderationen und des jährlichen Kongresses der Kommunen besteht.

 

 

 

Aufgabe und innere Organisation der Kommune.

— Die Kommune wird sich mit all dem zu befassen haben, was das Individuum betrifft. Sie wird sich um alle Angelegen­heiten kümmern müssen, die in Zusammenhang mit der Ver­waltung und Verschönerung der Ortschaft stehen.Sie wird für die Unterbringung ihrer Bewohner sorgen müssen. Sie wird sich um die Artikel und Produkte kümmern müssen, die ihr von den Gewerkschaften und Produzentenvereinigungen geliefert worden sind.

Sie wird sich ebenso mit der Hygiene, der kommunalen Statistik, den kollektiven Bedürfnissen, dem Unterricht, den Gesundheitseinrichtungen sowie der Erhaltung und Vervollkommnung der örtlichen Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen.Sie wird die Verbindungen zu den anderen Kommunen organisieren und sich um die Förderung künstlerischer und kultureller Aktivitäten bemühen. Um diese Aufgabe gut erfüllen zu können, wird ein Rat der Kommune gewählt werden, dem die Vertreter der Räte für Ackerbau, Gesundheit, Kultur, Verteilung sowie Produktion und Statistik angehören werden. Das Wahlverfahren für die Räte der Kommune wird man unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte erarbeiten, wobei man berücksichtigen muß, daß die Metropo­len bei der Bildung von Föderationen der Kommunen nur langsam politisch dezentralisiert werden.

Alle diese Institutionen werden keinen exekutiven oder bürokratischen Charakter haben. Abgesehen von denen, die technische oder rein statistische Aufgaben wahrneh­men, werden auch sie ihre Aufgabe als Produzenten erfüllen. Die Mitglieder der einzelnen Institutionen versammeln sich erst gegen Ende des Arbeitstages, um die Detailfragen zu diskutieren, die nicht der Zustimmung durch die kommunalen Versammlungen bedürfen.Es werden so oft Versammlungen abgehalten, wie es die Bedürfnisse der Kommune erfordern, und zwar entweder auf Ersuchen der Mitglieder des Rates der Kommune oder auf Wunsch der Einwohner einer jeden Kommune.

 

 

 

Gegenseitige Kontakte und Austausch der Produkte.

Wie schon erwähnt, ist unsere Organisation föderalistischer Art und sichert die Freiheit des einzelnen innerhalb der Gruppe und innerhalb der Kommune, die der Kom­munen innerhalb der Föderation und die der Föderationen innerhalb der Konföderationen.Wir kommen also vom Individuum zum Kollektiv und sichern so die Rechte des einzelnen. Das Prinzip der Freiheit bleibt dabei unantastbar. Die Bewohner einer Kommune werden untereinander die internen Probleme diskutieren: Produktion, Konsum, Unterricht, Hygiene und was sonst noch für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Kommune erforderlich sein könnte. Wenn es sich um Probleme handelt die einen ganzen Landstrich oder eine Provinz angehen, dann müssen die Föderationen untereinander beraten. In den Versammlungen, die letztere abhalten, werden alle Kom­munen vertreten sein, deren Delegierte die Argumente vorbringen werden, die zuvor in ihren Heimatkommunen gebilligt worden sind.Wenn zum Beispiel Straßen gebaut werden sollen, die die Ortschaften eines Landstriches miteinander verbinden, oder wenn es um Transportangelegenheiten oder um den Austausch von Produkten zwischen landwirtschaftlich ausgerichteten und industriell geprägten Landstrichen geht, dann ist es nur natürlich, wenn alle Kommunen ihren Standpunkt darlegen, denn sie müssen ja auch alle ihren Beitrag zu den Bauarbeiten leisten.

In Angelegenheiten regionalen Charakters wird es die Regionale Föderation sein, die die Beschlüsse in die Praxis umsetzt. Diese Beschlüsse werden den souveränen Willen aller Bewohner der Region zum Ausdruck bringen.Denn zur Willensbildung kommt es zuerst beim Individuum, dann in der Kommune, dann in der Föderation und schließlich in der Konföderation.Auf ganz ähnliche Art und Weise werden wir zu einer Diskussion aller Probleme kommen, die die ganze Nation angehen, denn unsere Einrichtungen werden sich untereinander immer mehr ergänzen. Die nationale Organisation wird die internationalen Beziehungen regeln, indem sie direkten Kontakt zum Proletariat der anderen Länder aufnimmt, und zwar mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden Organe, die, wie in unserem Falle, der Internationalen Arbeiter-Assoziation angehören.

Um den Austausch der Produkte von Kommune zu Kommune zu sichern, setzen sich die Räte der Kommune mit den regionalen Föderationen der Kommunen und mit dem Rat der Konföderation für Produktion und Verteilung in Verbindung, wobei sie das anfordern, was ihnen fehlt, und das anbieten, was sie im Überfluß haben.Durch das Netz von Verbindungen zwischen den Kommunen und den Räten für Produktion und Statistik, die durch die Nationalen Produzentenföderationen hergestellt werden, ist das Problem bereits gelöst und vereinfacht.

Was die kommunale Seite der Frage betrifft, so werden Produzentenbescheinigungen genügen, die von den Werks- und Fabrikräten ausgestellt sind und den Arbeitern das Recht zum Erwerb dessen geben, was sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen. Die Produzentenbescheinigung ist im Prinzip so etwas wie ein Wechselbrief, die zwei Ausführungsbestimmungen unterworfen ist: Erstens, daß sie nicht übertragbar ist, und zweitens, daß man ein Verfahren entwickelt, mit dem auf der Bescheinigung der Wert der Arbeit in Arbeitstagen registriert wird und der hier eingetragene Wert höchstens ein Jahr lang zum Erwerb von Produkten berechtigen soll.Den nicht in den Arbeitsprozeß einbezogenen Teilen der Bevölkerung werden die Gemeinderäte Verbrauchsbescheinigungen ausstellen.

Selbstverständlich kann man keine absolut gültige Norm aufstellen. Die Autonomie der Kommunen muß respektiert werden, die, wenn sie es für angemessen halten, ein an­deres System des inneren Austausches einführen können, vorausgesetzt daß die neuen Systeme auf keinen Fall die Interessen der anderen Kommunen verletzen.

 

 

 

Pflichten des Individuums gegenüber dem Kollektiv und Idee von der gerechten Verteilung

Der freiheitliche Kommunismus ist unvereinbar mit jedem auf Strafe beru­henden System, und folglich führt er auch zum Verschwinden des gegenwärtig herrschenden Systems einer korrigierenden Justiz und mit ihm der Strafinstrumente (Gefängnisse, Zuchthäuser etc.).Dieser Bericht ist der Auffassung, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die sogenannten Delikte haupt­sächlich soziale Ursachen haben und wenn diese Ursachen verschwunden sind, im allgemeinen auch das Delikt verschwindet.

Wir meinen also:

Erstens: Daß der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist und daß die Straffälligkeit die logische Folge der sozialen Ungerechtigkeit ist, in der wir leben.

Zweitens: Daß, wenn man die Bedürfnisse des Menschen be­friedigt und ihm eine vernünftige und menschliche Erzie­hung gewährt, diese Ursachen verschwinden müssen.

Darum glauben wir, daß ein Individuum, das seine Pflichten, sei es nun im Bereich der Moral oder der Produk­tion, nicht erfüllt, vor den Volksversammlungen zu erscheinen hat, die im Sinne sozialer Harmonie eine gerechte Lösung für die Angelegenheit finden werden.Der freiheitliche Kommunismus wird also seine „korrigierenden Maßnahmen“ der Medizin und der Pädagogik entnehmen, die über die einzigen vorbeugenden Hilfsmittel verfügen, die die moderne Wissenschaft anerkennen. Wenn irgendein Individuum als Opfer pathologischer Erscheinungen gegen die Harmonie verstößt, die zwischen den Menschen herrschen soll, dann wird die pädagogische Therapeutik sich darum bemühen, sein seelisches Gleich­gewicht wiederherzustellen und in ihm das moralische Gefühl für soziale Verantwortlichkeit zu stärken, das durch sein ungesundes Erbe sich nicht hat entwickeln können.

 

 

 

Die Familie und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern

Man sollte nicht vergessen, daß die Familie der erste zivilisatorische Kern des Menschengeschlechts ge­wesen ist und daß sie auf dem Gebiet der Kultur, der Moral und des Gemeinschaftsgeistes Bewunderungswürdiges geleistet hat. Man sollte nicht vergessen, daß sie sich auch innerhalb der Entwicklung von der Familie zum Clan, vom Clan zum Stamm, vom Stamm zum Volk und vom Volk zur Nation erhalten hat. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Familie noch lange Zeit bestehen bleiben wird. Die Revolution darf nicht gewaltsam gegen die Familie vor­gehen, ausgenommen in solchen Fällen, in denen es sich um unharmonische Ehen handelt, bei denen man das Recht auf Scheidung anerkennen und unterstützen muß.So wie die erste Maßnahme des freiheitlichen Kommunismus darin besteht, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Menschen ohne Unterschied der Geschlechter zu sichern, so wird auch die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Mann und Frau verschwinden, die aus Gründen wirt­schaftlicher Unterlegenheit im Kapitalismus entstanden ist. Es ist also klar, daß die Geschlechter gleichbe­rechtigt sein werden, in ihren Rechten wie in ihren Pflichten.

Der freiheitliche Kommunismus proklamiert die freie Liebe, die nur durch den Willen des Mannes und der Frau bestimmt wird, wobei den Kindern der Schutz durch die Gemeinschaft garantiert wird und sie durch die Anwendung biologisch-eugenischer Prinzipien vor menschlichen Verirrungen bewahrt bleiben. Ebenso wird eine gute Sexualerziehung in der Schule auf eine Auswahl der Spezies Mensch hinwirken, die in Übereinstimmung mit den Zielen der Eugenik erfolgt, so daß sich die menschlichen Paare bewußt fortpflanzen und daran denken, gesunde und schöne Kinder zu zeugen.

(So interessant das Progamm ist - diese Passagen sind Verirrungen von "zukunfts- und naturwissenschaftsgläubigen" Anarchisten, die tatsächlich den "gesunden, schönen" Menschen modellieren wollen. Wir distanzieren uns aufs Schärfste!, Anm. BONE)

Für moralische Probleme, die die Liebe in eine freiheitliche kommunistische Gesellschaft hineintragen kann und die z.B. in Eifersucht ihre Ursache haben könnten, gibt es in der Gemeinschaft und in Freiheit nur zwei Lösungsmöglichkeiten, damit die menschlichen und sexuellen Beziehungen sich normal entwickeln. Für den, der Liebe mit Gewalt erzwingen will und sich dabei wie ein Tier benimmt, wird es, wenn weder guter Rat noch der Respekt vor dem Recht des einzelnen etwas auszurichten vermag, nur ein Mittel geben, nämlich die Entfernung aus der Gemeinschaft. Für viele Krankheiten empfiehlt sich ein Wasser- und Luftwechsel. Gegen die Liebeskrankheit, eine Krankheit, die sich in Starrsinn und Blindheit verwandeln kann, wird sich ein Wechsel der Kommune empfehlen, wobei der Kranke von dem Milieu entfernt wird, das ihn blind und verrückt macht, obgleich nicht zu befürchten steht, daß es in einer Atmosphäre sexueller Freiheit dazu kommen wird.

Die religiöse Frage

Die Religion, eine rein subjek­tive Erscheinung der menschlichen Existenz, wird inso­weit anerkannt werden, als sie sich auf das Heiligtum des individuellen Gewissens beschränkt. Aber auf keinen Fall kann die Religion in der Form einer öffentlichen Zurschaustellung oder eines moralischen und intellektuellen Zwanges anerkannt werden. Es bleibt dem einzelnen freigestellt, wie viele moralische Ideen er sich zu eigen machen will, doch alle Riten werden verschwinden.

Über die Pädagogik, die Kunst, die Wissenschaft und das freie Experimentieren.

Das Erziehungsproblem muß mit radikalen Mitteln gelöst werden. In erster Linie muß das Analphabetentum energisch und systematisch bekämpft werden. Die Kultur wird denen zurückgegeben werden, denen man sie geraubt hatte. Dies ist eine Pflicht der Wiedergutmachung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit, die die Revolution erfüllen muß. So wie der Kapitalismus den gesellschaftlichen Reichtum gehamstert hat, so haben die Städte Kultur und Erziehung monopolisiert. Den materiellen Reichtum und die Kultur zurückzuerstatten, das sind die wesentlichsten Ziele unserer Revolu­tion. Wie das geschehen soll? Dadurch, daß im materiellen Bereich der Kapitalismus enteignet wird und im moralischen Bereich die Kultur denen vermittelt wird, denen sie fehlt.

Unsere erzieherische Arbeit muß sich folglich in zwei Etappen vollziehen. Wir haben eine erzieherische Aufgabe, die wir unmittelbar nach der Revolution lösen müssen, und eine allgemein menschliche Aufgabe, die erst im Rahmen der neuen Gesellschaft zu erfüllen ist. Die unmittelbare erzieherische Aufgabe wird darin bestehen, unter der analphabetischen Bevölkerung eine elementare Bildungsarbeit zu organisieren, die zum Beispiel im Un­terricht folgender Dinge bestehen könnte: Lesen, Schreiben, Rechnen, Sport, Hygiene, Entwicklungs- und Revolutionsgeschichte, theoretische Aufklärung über die Nichtexistenz Gottes etc. Diese Aufgabe kann von einer großen Zahl gebildeter junger Leute als freiwilliger Bildungsdienst für ein oder zwei Jahre übernommen wer­den, wobei sie durch die Nationale Föderation für Erziehung entsprechend ausgebildet und überwacht werden. Diese Institution wird unmittelbar nach der Proklamierung des freiheitlichen Kommunismus die Leitung aller Lehr- und Bildungszentren übernehmen und die Tauglichkeit der hauptberuflichen und freiwilligen Lehrer über prüfen. Die Nationale Föderation für Erziehung wird sich von denjenigen trennen, die intellektuell, vor allem aber moralisch nicht in der Lage sind, sich den Er­fordernissen einer freien Pädagogik anzupassen. Ebenso wird bei der Auswahl der Lehrer für die Volksschule beziehungsweise die Höhere Schule allein die in praktischer Arbeit bewiesene Fähigkeit entscheiden.

Der Unterricht, dessen pädagogische Aufgabe darin besteht, zu einer neuen Menschlichkeit zu erziehen, wird frei, wissenschaftlich und für beide Geschlechter in gleicher Weise zugänglich sein. Alle notwendigen Mittel werden zur Verfügung gestellt werden, um sich in jedem nur möglichen Zweig der menschlichen Produktivi­tät und des menschlichen Wissens üben zu können. Der Hygiene und der Kindererziehung wird Vorrang eingeräumt werden, wobei die Frau dazu erzogen wird, schon in der Schule das Notwendige zu lernen, um Mutter sein zu kön­nen. Ebenso wird ein Hauptaugenmerk auf die Sexualer­ziehung gelegt werden, die die Grundlage für eine Ver­besserung des Menschengeschlechts ist. Wir halten es für die Hauptaufgabe der Pädagogik, die Heranbildung von Menschen mit selbständigem Urteil zu fördern, wobei natürlich auch die Frauen gemeint sind. Dazu wird es notwendig ein, daß der Lehrer alle Anlagen des Kindes mit dem Ziel fördert, daß das Kind zur vollständigen Entwicklung aller seiner Fähigkeiten ge­langt.

In dem pädagogischen System, das der freiheitliche Kommunismus verwirklichen wird, werden auf gar keinen Fall Bestrafungen oder Belohnungen Platz finden, denn diese beiden Erscheinungen enthalten den Keim zur Entwicklung aller Formen von Ungleichheit. [1]

Das Kino, der Rundfunk, die pädagogischen Hilfsmittel - Bücher, Bilder, Projektionsapparate - werden ausgezeichnete und wirksame Dienste bei einer schnellen in­tellektuellen und moralischen Umgestaltung der gegenwärtigen Generationen leisten und ebenso bei der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder und Heranwachsenden von Nutzen sein, die im freiheitlichen Kommunismus geboren werden und aufwachsen.

Ganz abgesehen vom rein erzieherischen Aspekt wird die freiheitliche kommunistische Gesellschaft schon in den ersten Jahren allen Menschen das Recht sichern, ihr Le­ben lang Zugang zu Wissenschaft, Kunst und Forschung zu erhalten, soweit sich das mit den unabdingbaren Erfor­dernissen produktiver Arbeit vereinbaren läßt. Erst solche geistige Betätigungen garantieren die Gesundheit und das seelische Gleichgewicht der menschlichen Natur. Darum sind auch die Produzenten in der freiheitlichen, kommunistischen Gesellschaft nicht in Hand- und Kopfarbeiter aufgeteilt, sondern alle werden zugleich körper­lich und geistig arbeiten. Darüber hinaus wird der Zu­gang zu den Künsten und Wissenschaften frei sein, denn die Zeit, die man auf sie verwendet, gehört dem Individuum und nicht der Gemeinschaft, aus der sich der ein­zelne lösen kann, wenn er Lust dazu hat, sobald er die Tagesarbeit, seine Aufgabe als Produzent erfüllt hat.

Es gibt Bedürfnisse geistiger Art, die als Parallelerscheinungen zu den materiellen Bedürfnissen angesehen werden können und die sich um so mehr in einer Gesell­schaft bemerkbar machen, je mehr in ihr die materiel­len Bedürfnisse befriedigt werden und der Mensch als moralisch emanzipiert akzeptiert wird. So wie die Entwicklung eine ununterbrochene Linie ist, wenn auch nicht immer eine Gerade, so wird auch der einzelne immer Ehrgeiz haben, etwa den Wunsch, mehr zu genießen, seine Eltern zu übertreffen, unter seinen Kollegen hervorzuragen, sich selbst zu überwinden.

Alle diese Wünsche nach dem Übertreffen anderer, nach schöpferischer, künstlerischer, wissenschaftlicher oder literarischer Tätigkeit und nach dem Experimentieren kann eine Gesellschaft, die auf der freien Prüfung und der Freiheit, alle Ausdrucksformen des menschlichen Le­bens zu tolerieren, beruht, unter keinerlei allgemeinen oder materiellen Zweckmaßigkeitserwägungen unterdrücken; sie wird diese Bestrebungen nicht scheitern lassen, wie es heute geschieht, sondern sie wird im Gegenteil fördern und pflegen, da sie weiß, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt und daß die Menschheit unglücklich wäre, müßte sie allein vom Brot leben. Es ist unlogisch zu glauben, daß die Menschen in unserer neuen Gesellschaft nicht das Bedürfnis nach Zerstreuung hätten. In den autonomen freiheitlichen Kommunen werden im Gegenteil Tage zur allgemeinen Erholung bestimmt, wozu die Versammlungen symbolträchtige Tage aus der Geschichte oder aus dem Naturablauf auswählen werden. Ebenso werden bestimmte Stunden am Tage für Ausstellungen, Theateraufführungen, Filmvorführungen oder Vorträge reserviert, die allen Freude und Zerstreuung bringen.

 

 

 

Verteidigung der Revolution

Wir räumen ein, daß es notwendig ist, die mit Hilfe der Revolution gewonnenen Errungenschaften zu verteidigen. Weil wir annehmen, daß es in Spanien mehr revolutionäre Möglichkeiten gibt als in irgendeinem der Nachbarländer, ist zu vermuten, daß sich der Kapitalismus in diesen Ländern nicht damit abfindet, wenn er sich der Interessen beraubt sieht, die er im Lauf der Zeit in Spanien erworben hatte.

Solange also die soziale Revolution nicht in internationalem Maßstab gesiegt hat, wird man die zur Verteidigung des neuen Regimes notwendigen Maßnahmen ergrei­fen müssen, sei es gegen die Gefahr einer ausländischen kapitalistischen Invasion, wie sie oben angedeutet wur­de, sei es, um eine Konterrevolution im eigenen Lande zu verhindern. Ein stehendes Heer bedeutet allerdings die größte Gefahr für die Revolution, denn unter seinem Einfluß würde sich die Diktatur herausbilden, die der Revolution unvermeidlich den Todesstoß geben würde. In den Augenblicken des Kampfes, in denen die Streitkräfte des Staates ganz oder teilweise mit dem Volk gemeinsame Sache machen, werden die organisierten militä­rischen Kräfte auf den Straßen ihren Beitrag zum Sieg über die Bourgeoisie leisten. Ist diese aber niedergeworfen, wird die Aufgabe der Streitkräfte beendet sein. Das bewaffnete Volk wird die beste Garantie gegen jeden Versuch bilden, das zerstörte kapitalistische Regime mit innerspanischen oder ausländischen Kräften zu re­staurieren. Es gibt Tausende von Arbeitern, die den Militärdienst absolviert haben und die moderne militärische Technik kennen.

Jede Kommune muß über Waffen und Geräte für die Verteidigung verfügen, bis die Revolution endgültig gesichert ist. Danach können sie dann in Arbeitsgeräte umgewan­delt werden. Wir empfehlen dringend die Unterhaltung von Flugzeugen, Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Ma­schinengewehren und auch Flugabwehrkanonen, denn in der Luft liegt die Hauptgefahr im Falle einer ausländischen Invasion. Wenn dieser Augenblick gekommen ist, wird das Volk rasch mobilmachen, um sich dem Feind entgegenzu werfen. Sobald die Verteidigungsaufgabe erfüllt ist, werden die Produzenten an ihren Arbeitsplatz zurückkeh­ren. Diese Generalmobilmachung wird alle Personen bei­derlei Geschlechts erfassen, sofern sie für den Kampf tauglich sind. Sie werden sich vorbereiten, um in diesem Kampf die vielfältigen und notwendigen Aufgaben erfüllen zu können. Die Verteidigungskräfte der Konföderation, die bis hinunter in den Produktionsstätten bereitstehen, werden bei der Verteidigung der Errungenschaften der Revolution die wertvollsten Hilfskräfte sein. Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, um sie für die Kämpfe auszubilden.

Wir erklären deshalb:

Erstens: Die Entwaffnung des Kapitalismus bedeutet die Aushändigung der Waffen an die Kommunen, die mit ihrer Unterhaltung und Pflege beauftragt werden und gleich­zeitig dafür sorgen, daß die Verteidigungskräfte im nationalen Rahmen wirksam organisiert werden.

Zweitens: Im internationalen Rahmen müssen wir unter den Proletariern aller Länder intensive Propagandaanstrengungen unternehmen, damit diese Proletarier energischen Protest einlegen und sich mit uns solidarisch erklären, wenn von seiten ihrer Regierungen irgendein Invasionsversuch unternommen wird. Zur gleichen Zeit wird unsere Iberische Konföderation der Autonomen Freiheitlichen Kommunen allen Ausgebeuteten der Welt moralische und materielle Hilfe leisten, damit sie sich für immer aus der unerträglichen Vormundschaft des Kapitalismus und des Staates befreien können.

 

 

 

Abschließende Bemerkungen

Unsere Arbeit ist hiermit beendet, aber bevor wir zum Schluß kommen, glauben wir, in dieser historischen Stunde noch einmal dringend darauf hinweisen zu müssen, daß diese Schrift nicht als etwas Endgültiges angesehen werden darf, das als unverrückbare Norm für die Aufbauarbeit des revolutionären Proletariats dienen soll.

Der Anspruch dieser Ausführungen ist wesentlich bescheidener. Wir würden es begrüßen, wenn der Kongreß in ihnen die allgemeinen Linien eines ersten Planes sehen würde, den die Arbeiter vollenden müssen: einen Ausgangspunkt für die Menschheit auf dem Wege zu ihrer gänzlichen Befreiung.

Jeder, der sich klug, mutig und befähigt fühlt, möge unsere Arbeit verbessern.

--------------------------------------------------------------------------------

[1] Zu den Erziehungsvorstellungen vgl. auch die Versuche Francisco Ferrers, der bereits 1901 in Barcelona eine freie Schule gegründet hat.
Francisco Ferrer, Die moderne Schule, Berlin 1923, Nachdruck mit einem neuen Vorwort, Karin Kramer Vlg., Berlin 1970 + 1975