Selbstdarstellung


 

 

 

 

 

 

Helmut Höge

E.coli und Ich



 



"Das Ich ist nicht nur hassenswert, es hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts," behauptet der Ethnologe Claude Lévy-Strauss. Wenden wir uns deswegen gleich Escherichia coli zu - zumal "wir selbst nichts anderes sind als eine Kolonie eng assoziierter Bakterien," wie einige Mikrobiologen meinen herausgefunden zu haben.

E.COLIObwohl wir heute über das Kolibakterium mehr wissen als über jedes andere Lebewesen auf der Welt, ist vieles an ihm noch unerforscht oder strittig. Noch weniger weiß ich über meine eigenen Kolibakterien im Darm. Dabei befinden sich dort zehn mal mehr Bakterien als mein Organismus Zellen hat, wobei diese auch wiederum aus so genannten "verstaatlichten" Mikroorganismen entstanden sind. Allein die Gesamtzahl der Organismen, die frei in der Mundhöhle leben, ist größer als die Gesamtheit der Erdbevölkerung. Obwohl erst 0,5 % aller geschätzten 2 bis 3 Milliarden Arten von Mikroorganismen entdeckt und klassifiziert worden sind, weiß man immerhin schon, dass meine Darmflora aus ca. 500 verschiedenen Bakterienarten besteht. An und in meinem Körper befinden sich insgesamt ca. 2 Kilogramm Bakterien. Auch meine Scheiße besteht zu einem großen Teil aus ihnen (100 Milliarden Individuen in einem einzigen Gramm). Andersherum schafft es E.coli mit seiner extremen Säureresistenz problemlos durch meinen Magen wieder zurück in den Darm zu gelangen.
Dort werden die Bakterien für die Synthese von Stoffen benötigt, die ich selbst nicht produzieren kann (u.a. Vitamine) - und E.coli ist dabei das wichtigste und auch am häufigsten vorkommende Bakterium. Außerdem ist es das erste gewesen, das nach meiner Geburt den vorher sterilen Darm besiedelte - und es wird wahrscheinlich auch das letzte dort sein, nach meinem Tod, wenn die Darmmikroorganismen mich auffressen, weil meine Schleimhäute, die mich zu Lebzeiten davor schützten, sich zersetzen.

Bakterielle ZellteilungE.coli besteht mathematisch gesehen aus einer halben Million Funktionseinheiten und ist im Gegensatz zu mir nicht nur als Individuum unsterblich, sondern auch als Spezies ubiquitär, d.h. es kann überall leben - in den Wolken genauso wie im Wasser und in der Erde, aber am Liebsten im Darm von Menschen und Tieren. Dort findet es eine ähnliche Umwelt (Ursuppe) wie seine Vorfahren, die Archaebakterien - vor 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde. Mit diesen begann das, was wir Leben nennen. Mit einigem Recht kann man deswegen sagen: Mit den Bakterien fing nicht nur mein (extratrauterines) Leben an, sondern alles Leben. Außerdem verdanken wir ihnen einen Großteil des Sauerstoffs in der Atmosphäre sowie der geologischen Formationen. Ja, es gibt Lebensforscher, die der Meinung sind, dass die Bakterien uns - Protoctisten, Pflanzen, Tiere und Pilze - nur geschaffen haben, um immer und fast überall ein ausreichendes Nährmedium zur Verfügung zu haben. Nur in seltenen Fällen artet das in nicht groß störenden Kommensalismus, in Opportunismus oder gar in schädlichen Parasitismus aus, die Regel ist jedoch symbiotisch, d.h. wir haben auch gehörig was davon, um nicht zu sagen, dass wir von ihnen abhängig sind. Und wenn wir ihnen trotzdem zu Leibe rücken, dann wissen sie sich ebenfalls zu helfen: Bei Antibiotika-Einnahme schaffen es z.B. einige E.coli-Bakterien in meinem Darm, resistent dagegen zu werden, bevor das Schimmelpilzprodukt Penicillin sie alle vernichtet - und damit auch mich. In meiner Blase gelingt es ihnen, sich so lange in Immunzellen zu verstecken, bis die Antibiotikatherapie beendet ist. Außerdem können sie ihren Stoffwechsel bei Bedarf umstellen: Wenn Sauerstoff da ist, atmen sie, wenn nicht, nehmen sie mit anderen Verbindungen vorlieb, mit Nitrat z.B. - als terminalen Elektronenakzeptor. Zwar bildet E.coli bei Austrocknung keine Sporen, um zu überleben, aber es ist auch so äußerst widerstandsfähig und kann in eine Art Schlafzustand fallen. Einige Bakterienarten können in kochendheißen Quellen, in Säurebädern und sogar in gefrorenem Zustand überleben - man nennt sie deswegen auch Extremophile. Kürzlich fand man in kilometertiefen Gesteinsschichten bei Irkutsk 500 Millionen Jahre alte - lebende - Bakterien, die sich statistisch nur alle paar tausend Jahre teilten. Die meisten Bakterien leben in der Natur in Form von Biofilmen, wo sie sich so schnell teilen können, dass aus einer einzigen Bakterie innerhalb eines Tages 10 hoch 21 werden, nach einer Woche würden ihre Nachkommen schon den ganzen Planeten mit einer dicken Schicht bedecken.

Das heißt: wenn sie stets genug Nahrung vorfänden und nicht selbst gefressen werden würden. Bakterien sind nämlich selbst wiederum die Nahrungsgrundlage von anderen Mikroorganismen, vor allem den Protoctisten, die sich von ihnen dadurch unterscheiden, dass nicht nur die Zelle, sondern auch ihr Zellkern von einer Membran umhüllt ist. Bei den Bakterien schwimmen die Cromosomen, d.h. die Träger der Gene, frei im Cytoplasma ihres Zellinnern. Daneben fand man dort auch noch Gene von Archaebakterien: Diese wurden irgendwann einmal einverleibt - jedoch nicht verdaut, sondern in den Organismus integriert: als Organellen, d.h. Orgänchen. Die selben Arten gibt es daneben auch noch als freilebende. Man kann sogar feststellen, in welcher Reihenfolge sie von ihrer Wirtsbakterie einst "eingefangen" wurden. Dennoch spricht man hierbei von "Mutualismus" - auf Gegenseitigkeit beruhend. Die ersten, die derart "versklavt" ihre Autonomie verloren und dafür Nahrungssicherheit oder allgemein Risikominimierung eintauschten - weswegen man es "Symbiose" nennt - waren die Cyanobakterien, deren Chloroplasten das Sonnenlicht durch Photosynthese in nutzbare chemische Energie und Nährstoffe umwandeln - und außerdem die Mitochondrien, die in der Lage sind, mithilfe des Sauerstoffs der Luft aus Nährstoffmolekülen chemische Energie zu produzieren. Aus ersteren entwickelten sich über weitere intrazelluläre Symbiosen und Zellkoloniebildungen sowie -spezialisierungen die Pflanzen, aus letzteren die Pilze und die Tiere. Diese drei sozusagen letzten Stämme des Lebens vermehren sich jedoch nicht mehr durch Zellteilung, sondern im Gegenteil durch Verschmelzung - einer männlichen Samenzelle mit einer weiblichen Eizelle, aus denen dann ein neuer Organismus entsteht (in China nennt man diesen Moment Geburt).

Meine E.coli-Bakterien sind demgegenüber ungeschlechtlich. Zudem ist Sexualität und Fortpflanzung bei ihnen getrennt. Mit ihrer Sexualität ist die Berührung oder Kommunikation zweier Individuen gemeint, bei der Gene übergeben werden. Dies geschieht durch direkten Körperkontakt oder mittels elastischer Proteinfäden, so genannter Sexual-Pili, die gleichsam aus der Distanz von einem Bakterium zum anderen hinüberwachsen, die Gene können aber auch - über eine noch größere Distanzen - durch einen Virus von einem zum anderen transportiert werden. Die bakterielle Fortpflanzung hat damit nichts zu tun. Diese geschieht durch Teilung jedes einzelnen Individuums, wobei sich seine Chromosomen sowie auch die integrierten Organellen im Zellplasma zuvor ebenfalls teilen müssen. Auf diese Weise ist das Bakterium unsterblich - und sozusagen direkt vor 3,5 Milliarden Jahren aus den ersten Urzellen entstanden. Der Bruch im Gedächtnis tritt erst mit der Verkopplung von Sexualität und Fortpflanzung ein. Ich erinnere nur an den Seufzer von Peter Rühmkorf: "Ach könnte man doch angelesene Eigenschaften vererben!" Und die Verkopplung, "Verschmelzungssex" von der Zellbiologin Lynn Margulis genannt, wird erst möglich und vielleicht auch notwendig - mit fortschreitender Endosymbiose der Bakterien.

escherichia.coliStatt von Sexualität spricht man bei ihnen von Konjugation, unterscheidet jedoch weiterhin zwischen Gen-Spendern und -Empfängern, obwohl letztere ebenfalls spenden können. Und nicht nur das. Wenn man unter einer Art alle Individuen versteht, die sich untereinander fortpflanzen können - alle Menschen z.B., im Gegensatz etwa zu den indischen und den afrikanischen Elefanten, die sich allzuweit voneinander entfremdet haben - dann gehören alle Bakterienarten zu einer einzigen, denn sie können alle untereinander Gene austauschen. Insofern stimmt es nicht, was der französische Genetiker und Nobelpreisträger Jacques Monod einst behauptete: "Was für E.coli wahr ist, muß auch für den Elefanten wahr sein."

Einmal kam es darüber zu einem Streit zwischen ihm und dem Nobelpreisträger Francois Jacob - beide erforschten das Leben am Beispiel von Bakterien. Ihr Streit resultierte daraus, dass für Jacob die E.coli plötzlich nicht mehr genug Individualität besaß, um sich ernsthaft weiter mit ihr zu beschäftigen. In seinem Buch "Die Maus, die Fliege und der Mensch" schrieb er: "Der Bakteriologe Alfred Hershey hatte zwar einmal scherzhaft angemerkt, dass für den Biologen das Glück darin besteht, ein sehr kompliziertes Experiment auszutüfteln und es Tag für Tag zu wiederholen, wobei er jedes Mal nur ein Detail abwandelt. Doch ich wollte eine Veränderung. Seit fünfzehn Jahren ließ ich nun schon ausgesuchte Bakterienpaare im Takt kopulieren. Diese Art von Übung hatte mir viel Befriedigung verschafft. Doch glaubte ich ihre Freuden ausgekostet zu haben. Ich hatte nichts dagegen, eine Art Guru der Sexualität zu werden, aber nicht der Bakteriensexualität. Auch fingen die Bakterien an, mir ein wenig unsichtbar, ein wenig farblos zu erscheinen. Ich wollte etwas Sichtbares, mit Hormonen, Leidenschaften, mit einer Seele. Ich wollte Tiere, denen man ins Auge blicken, die man individuell erkennen, ja benennen konnte. Und die fähig waren, einem auch selbst in die Augen zu blicken." Francois Jacob dachte dabei an weiße Mäuse, um die herum er ein ganzes Institut zu gründen beabsichtigte, während Jacques Monod bei den Kolibakterien bleiben wollte.

In seinem grundlegenden Werk "Die Logik des Lebenden" war Jacob sich noch sicher gewesen: "In einem Lebewesen ist alles auf Fortpflanzung hin angelegt" (programmiert). Und sich gefragt: "Von welch anderem Schicksal könnten eine Bakterie, eine Amöbe, ein Farn träumen, als zwei Bakterien, zwei Amöben, mehrere Farne zu werden?" Ein Bakterium "träumt" davon, da war sich Francois Jacob sicher, zwei zu werden. Zu den ersten Deutern dieses Bakterientraum gehörte dann Jacobs Kollege am Collège de France Michel Foucault. In einer Rezension des Buches schrieb er 1970: Nun wissen wir, "dass die komplexeren Organisationsformen (mit der Sexualität, dem Tode, ihrem Begleiter, den Zeichen und der Sprache, ihren fernen Effekten) nichts anderes sind als Umwege, um immer wieder die Reproduktion zu sichern." Das kam schon fast Heinz Sielmann nahe, der ungefähr zur selben Zeit angesichts eines in der Sonne tanzenden Mückenschwarm meinte: "Sie haben nur ein Interesse: sich zu vermehren!"
Wobei er dies im Brustton der Überzeugung sagte und zu begrüßen schien. Für Foucault resultierte daraus eher eine "biologische und zelluläre Enttäuschung", die er jedoch ebenfalls freudig begrüßte, weil sie uns "lehrt, "dass das Diskontinuierliche uns nicht nur begrenzt, sondern zugleich durchdringt: sie lehrt uns, dass die Würfel uns regieren".
Immer wieder ist Foucault später auf diesen "Würfelwurf" zurückgekommen, der ihm anscheinend wunderbar in den Kram paßte. Bei Jacob fand er ihn, als die Genetik gerade zum Sprung über die Leitwissenschafts-Planke ansetzte, in dessen biologischer "Geschichtsschreibung", die "uns zeigt, wie und warum man das Leben, die Zeit, das Individuum, den Zufall ganz anders denken muß" - und zwar von "hier" aus: in "unseren Zellen".

Wenn wir also nun unser Leben neu überdenken - nach dem Siegeszug des molekularbiologischen Denkens, dann müssen wir den Blick umdrehen - d.h. ihn durch unseren lichtlosen Schädel in unser Innerstes versenken: bis in das Gedärm...Und dort stoßen wir dann auf die Einzeller - u.a. Kolibakterien - die, wie erwähnt, nur davon träumen, sich zu verdoppeln. Dabei stellt sich dann laut Foucault die Frage: "So lange man es zu tun hat mit einem, relativ gesehen, so einfachen Organismus wie einem Bakterium, kann man dann wirklich von einem Individuum sprechen?" Präziser gefragt: "Kann man sagen, dass es einen Anfang hat, da es schließlich nur die Hälfte einer früheren Zelle ist, die ihrerseits die Hälfte einer anderen Zelle war und so weiter bis in die fernste Vergangenheit des ältesten Bakteriums der Welt?" Oder - in die andere Zeitrichtung gefragt: "Kann man sagen, dass es stirbt, wenn es sich teilt, zwei Bakterien Platz macht, die unabhängig bestrebt sind, sich alsbald ihrerseits zu teilen?" Seit Francois Jacob wissen wir, was ein "Bakterium" ist: "eine Reproduktionsmaschine, die ihren Reproduktionsmechanismus reproduziert, ein Erbmaterial, das sich um seiner selbst willen ins Unendliche vermehrt, reine Wiederholung vor der Singularität des Individuums. Im Verlauf der Evolution war das Lebende eine Verdopplungsmaschine, bevor es ein individueller Organismus wurde." Darüberhinaus wissen wir jetzt auch, was das "Auftreten eines Individuums" evolutionär zur Voraussetzung hat: "das Prinzip der geschlechtlichen Fortpflanzung". Der daraus entspringende individuelle Lustgewinn hat aber seinen Preis: "die Geburt und den Tod der Individuen" - sie sind "die Lösung, die die Evolution wählte, um die geschlechtliche Fortpflanzung zu begleiten. Der Tod, sagt Francois Jacob, ist 'eine im genetischen Programm ex ovo vorgeschriebene Notwendigkeit'."

Für die Bakterie gilt das noch nicht: Unser großer Traum von Unsterblichkeit ist mithin für E.coli fast ein Dauerzustand, denn sie teilt sich alle zwanzig Minuten - bei günstigen Lebensbedingungen: z.B. im Labor in einer Nährlösung aus Mineralsalzen und einer organischen Verbindung, die aus einer Kohlenstoffquelle und als Energieträger dienendem Zucker bestehen kann, aber auch aus einer Fleischbrühe. Dieser Einzeller ist wie wir ein Allesfresser. Auf elektronenmikroskopischen Photographien sieht E.coli sack- bzw. stäbchenförmig aus, wobei diese Form durch ihre Zellwand bestimmt wird, die mit einer zweischichtigen Membran ausgekleidet ist. Jacob erklärt dazu: "Die für den Durchgang gewisser Substanzen undurchlässige Membran verhindert, dass aus der Zelle Moleküle entweichen, die sie selber produziert. Hingegen läßt sie gewisse anorganische Salze ohne Hindernisse zirkulieren. Außerdem kann die Bakterienzelle mit Hilfe einer Art von in die Membran eingebauten Pumpen bestimmte Verbindungen absorbieren und konzentrieren - wie gewisse Zucker, die sie im Milieu findet und die für ihren Metabolismus notwendig sind," d.h. sie wandelt die ursprünglich in der Glukose vorhandene Ordnung in chemische Energie um. "Ansonsten scheint der Sack nur einige Tausende kleiner Partikeln von homogener Größe und kugelartiger Gestalt zu enthalten: dort werden die Proteine synthetisiert. Beim Öffnen des Sacks findet der Chemiker einige Tausende verschiedener Molekülarten."

Obwohl noch nicht alle Winkel von E.coli erforscht sind, macht sie alles in allem einen primitiven Eindruck, meint Jacob, fügt jedoch hinzu: Man darf "Einfachheit" nicht mit "archaischem Alter verwechseln und die Bakterienzelle als lebendes Fossil, das heißt als unseren gemeinsamen Vorfahren betrachten, denn jedes Lebewesen, Bakterium oder Säugetier, ist das Ergebnis einer Evolution von Milliarden Jahren." Wenn wir E.coli durchs Mikroskop betrachten, liegt dahinter eine zwei Milliarden Jahre oder noch längere Geschichte, "die für das Verstehen des Systems ebenso notwendig ist, wie die Kenntnis seiner Struktur". Kann es demnach sein, dass E.coli manchmal auch von einem früheren Leben träumt, von einer noch einfacheren Teilung vielleicht? Und dies um so mehr, als einige Arten sich nicht nur vegetativ, sondern - wie wir auch - geschlechtlich vermehren und sogar in toto miteinander verschmelzen, d.h. fusionieren können (noch ein Traum - auch von uns) . Und wenn wir die Individualität erst mit dem Gebrauch von Geschlechtswerkzeugen beginnen lassen, also mit der Paarung zwecks Gentransfer, muß man nicht E.coli trotz seiner "starren Zellwand" und zweischichtigen Membran noch als von seinem Milieu, der Umwelt (die z.B. aus dem Darminhalt oder der Nährlösung in einer Petrischale bestehen kann) ungetrennt begreifen? Sie sind in der Lage, so wie unsere Körperzellen'auch, untereinander zu kommunizieren und sich z.B. über ihr Populationswachstum zu verständigen - die Biologen nennen das "quorum sensing" (ein Sinn, mit dem sie Beschlußfähigkeit herstellen). Und wenn sie mit ihrer Umwelt eins und ungetrennt sind, träumt dann nicht der ganze Inhalt des Darms oder der Petrischale, in der etliche Milliarden Kolibakterien schwimmen (weswegen man ihre Lebensäußerungen nur statistisch erfassen kann)? Man könnte noch weiter gehen: E.coli ist Teil der Darmflora, ein für unser Verdauungssystem notwendiger "Symbiont", der jedoch in einigen Varietäten auch zu einem "Parasiten" werden kann - zumindest wird er von den Ärzten und der Reinigungsmittelindustrie als ein solcher begriffen und bekämpft. Nun weiß man aber spätestens seit Michel Serres, daß "die besten Wirte manchmal auch die besten Parasiten sind". Für Serres stellte sich dabei die Frage, ob nicht jede Forschung eine "Parasitologie" ist und ob die parasitären Verhältnisse nur "der pathologische Auswuchs irgendeines Gebietes sind oder ganz einfach das System selbst"? Letzteres könnte bedeuten, dass E.coli unsere Träume sozusagen mitträumt oder sogar -trägt, mindestens darin vorkommt: und sich z.B. schon freut, wenn wir uns nach einigen Tagen Magermilchdiät entschlossen haben, eine deftige Fleischbrühe zu essen. Umgekehrt weiß ich von meiner eigenen inneren Bakterienkultur z.B., dass sie es nicht mag, wenn ich ihr auf nüchternem Magen nach einem langen Arbeittag gleich mit Rotwein komme, obwohl genug Nährstoffe darin enthalten sind.


E.coli stirbt keinen "gewöhnlichen Tod", wie Jacob sagt, aber es kann dennoch "vergänglich" werden: Und zwar durch eine "von Wachstum und Vermehrung verursachte Verdünnung" - ein Art statistisches Fading-Away. Und genauso ist dann auch mein abendlicher Stuhlgang. Umgekehrt soll "eine harte und träge Verdauung" laut Nietzsche für "die deutsche Tiefgründigkeit" verantwortlich sein. Man kann diese gar nicht gefährlich genug einschätzen, insofern aus der trägen Verdauung leicht eine Stuhlverstopfung werden kann - gerade in Deutschland. Der russische Zoologe Elie Metchnikow stellte um 1900 die These auf, dass unser rasches Altern alles andere als "normal" sei. Er machte dafür eine Art "Selbstvergiftung" durch die Produkte bakterieller Zersetzung im Darm verantwortlich. Die Säugetiere, so argumentierte Metchnikow, scheiden ihren Kot nicht im Laufen aus. Wenn sie es jedoch beim Stillstehen oder wie wir im Hocken tun, setzen sie sich zahllosen Gefahren aus. Um nun die bestmögliche Zeit für die Kotentleerung finden zu können, brauchen Säugetiere geräumige Därme, in denen sie ihren Kot speichern können. In dem von ihnen geschaffenen "Lagerhaus" gedeihen aber nun die Bakterien besonders gut. Und ihre schädlichen Körpersäfte bewirken wiederum bei uns eine Neigung zu Verstopfung, was sich bis zu einer chronischen und kumulativen Toxämie pathologischer Senilität ausweiten kann.
Darüberhinaus werden dann die derart vergifteten Zellen leicht Opfer von anderen so genannten phagozytischen Zellen. Der englische Gerontologe P.B.Medawar wandte demgegenüber 1969 ein: "Fischer, die normalerweise nur in Abständen von zehn Tagen Stuhlgang haben, sind nicht die kraftlosen Wracks, die wir in ihnen nach Metchnikows Theorie erwarten müßten. Der Dickdarm ist auch kein bloßer 'Abfalleimer'. Pflanzenfresser erhalten einen Teil ihrer Nahrung dank den Zellulose aufspaltenden Bakterien in ihrem Innern. Die Bakterien können darüber hinaus Vitamine synthetisieren, die dann vom Wirtstier direkt absorbiert werden - ein harter Schlag für Metschnikows Theorie." Außerdem scheiden einige Säugetiere ihren Kot auch im Laufen aus - Kühe z.B..

Bei diesen grasfressenden Wiederkäuern entdeckte man vor einiger Zeit ein anderes Phänomen: Wenn man die Kolibakterien schon fast als Teil unseres Dickdarms bezeichnet, dann gilt dies noch mehr für Kühe: ihre Verdauungsorgane, speziell der Pansen, sind derart voll mit celluloseabbauender Bakterien, dass man laut Lynn Margulis gut und gerne sagen kann: "Sie sind die Kuh." Das Methan, das diese Bakterien bei ihrer Verarbeitung des Grases im Pansen freisetzen, kann der Körper nicht absorbieren, er gibt es deswegen durch Furzen und vor allem Rülpsen frei - und das in solchen Mengen, dass man die Kühe dieser Welt fast für den gesamten Methananteil in der Atmosphäre verantwortlich machen kann. Agrobiologen wollen diesen Anteil jetzt mit Bakterien aus Känguruhmägen reduzieren: Die ebenfalls pflanzenfressenden Känguruhs produzieren wegen dieser speziellen Bakterien in ihren Vormägen kein Methan. Als erstes Agrarland will Dänemark damit das Klima verbessern. Allein die dänischen Kühe geben pro Jahr 140.000 Tonnen Methangas in die Atmosphäre ab.

Zurück zu unseren Darmbakterien. Ihre Furzgasproduktion ist zu gering, um das globale Klima groß zu beeinflussen, höchstens das Mikroklima eines Zimmers. Aber mit einem nachträglichen Kontrollblick in die Kloschüssel könnte man vielleicht die jeweilige Befindlichkeit seiner Kolibakterien "entschlüsseln". D.h. sofern man noch einen der einst von den Nazis durchgesetzten "Flachspüler" benutzt - und keinen Tiefspüler: wie alle anderen zivilisierten Völker. Der korsische Naßzellenforscher Guillaume Paoli spricht deswegen bei dieser Form der Entsorgungs-Zwischenlagerung von einem "deutschen Sonderweg zum Gully", die nur langsam - infolge der Amerikanisierung - verschwindet. Die (japanische) Zukunft liegt hier bei der durch Annäherung an das Becken über einen photolektrischen Mechanismus ausgelösten Wasserspülung, bzw. beim Aufstehen von der Schüssel: "Das ist eine 'neue Aussage' und die Gewißheit, dass es keine Ohnmacht gibt, außer durch Depression," meinte dazu der Philosoph J.F.Lyotard, dem diese neumodischen Becken, die er das erste Mal auf der Toilette des Fachbereichs Informatik der Universität Aarhus benutzte, Beweis dafür waren, "dass es keine primitiven Gesellschaften gibt". Und in der Tat hat sich auch unter den Biologen langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass es keine Höherentwicklung von einfachen zu immer komplizierten Organismen gibt. E.coli ist auch schon verdammt kompliziert, je mehr man darüber forscht, desto mehr Rätsel gibt es auf.

Mit der Zeit ist dabei in der gentechnisch ausgerichteten Molekularbiologie die darwinistische Begrifflichkeit - Mutation, Selektion, Konkurrenz etc. - mehr und mehr einer larmarckistischen gewichen: Koevolution, Kooperation, Koloniebildung und Mutualismus (so nannte auch der Anarchist Proudhon seine Utopie). Etwas zurückhaltender ausgedrückt: Während die einen fortfahren, den idealtypischen American Way of Life" auf die Natur projizieren, sehen die anderen ihre anarcho-syndikalistischen Lebensprinzipien durch die Ergebnisse der neueren Zellforschung bestätigt - die im übrigen bereits von Kropotkin 1900 vorausgesagt wurden.

LamarckAuch einige Experimente bestätigten Lamarck: So wuchsen z.B. die Cilien an Wimperntierchen, die man abgetrennt und an anderer Stelle des Einzellers eingepflanzt hatte wieder an - und diese Veränderung wurde sogar über viele Generationen hinweg vererbt: "Was [u.a. der US-Genetiker] Tracy Sonneborn und seine französische Kollegin Jannine Beisson entdeckten, schien diametral dem Dogma gegenüberzustehen, wonach erworbene Eigenschaften nicht vererbt werden können," schreibt Lynn Margulis über deren Wimperntierchen-Experimente. "Damit hatte man ein Laborbeispiel" für das, was bis dahin immer "als lamarckistisch abgetan wurde". Weiter heißt es bei ihr: "Nachdem man erkannt hatte, wie wichtig die Symbiose in der Evolution war, mußten wir die früheren, zellkernzentrierten Ansichten von der Evolution als einen blutigen Kampf der Tiere revidieren." Die von Margulis daraus entwickelte "serielle Endosymbiontentheorie" ist inzwischen nicht nur offizielle Lehrmeinung, sondern auch feministisch zu reinem Kropotkin fortgeschritten. Damit sind vor allem dessen Studien über "Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" gemeint, in der er einen wunderbaren Bogen spannte von den Brutgenossenschaften der Vögel bis zu den mittelalterlichen Zünften und den modernen Arbeitergewerkschaften. Margulis selbst bleibt in der Biologie und wirbt seit einigen Jahren für die so genannte "Gaia-Hypothese", wonach die ganze Erde einschließlich ihrer Atmosphäre wenn schon nicht ein einziger Organismus ist, dann zumindest "im biologischen Sinne einen Körper hat, der durch komplizierte physiologische Vorgänge am Leben erhalten wird". An anderer Stelle heißt es: "Außerdem ist Gaia ein sehr altes Phänomen. Ihr weltweites System besteht aus Billionen wimmelnder, fressender, sich paarender, Abfälle ausscheidender Wesen. Die zähe alte Gaia ist durch die Menschen keineswegs bedroht. Das Leben auf der Erde hatte schon mindestens drei Milliarden Jahre überstanden, bevor ein lebhafter Menschenaffe, der sich nach einem relativ haarlosen Partner sehnte, überhaupt vom Menschsein zu träumen begann."

Diese Wendung in der Lebensforschung, die Darwinismus und Intelligent Design als die zwei Seiten einer sektiererischen Komplementärideologie erscheinen läßt, geht ebenfalls auf russische Wissenschaftler zurück: die "Gaia-Hypothese" auf den Begründer der Biospährentheorie Wladimir Iwanowitsch Wernadsky, der bis zu seinem Tod 1945 Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UDSSR war; und die "serielle Endosymbiontentheorie" auf die Botaniker Konstantin Mereschkowski, Andrej Famintsyn und Boris Kozo-Polyansky, deren Symbiose-Forschungen (u.a. an Flechten, die aus Algen und Pilzen bestehen, die sich zusammengetan haben) bereits um 1900 formuliert wurden, zur selben Zeit, da Pjotr Kropotkin im englischen Exil sein Buch "Mutual Aid" veröffentlichte. Mereschkowski ging 1917 ins Exil - in die Schweiz. Der geistige Kern dieser Theorien entstand schon bedeutend früher in Russland - er wurde mitunter als "Lamarxismus" bezeichnet und kennzeichnete für lange Zeit das Ideengebäude der russischen Intelligenzija. Ich möchte behaupten - bis heute, auch wenn die Intellektuellen von den Bolschewiki als "klassenfremde Elemente" teils liquidiert und verbannt teils als Staatsfunktionäre korrumpiert wurden.

Wiewohl man gemeinhin die Herausbildung der Intelligenz als "klagende Klasse" mit Emile Zola anheben läßt, erreichte sie etwa zur gleichen Zeit im "rückständigen Rußland", wo sie am konsequentesten die Partei der "Erniedrigten und Beleidigten" (Dostojewski) ergriff, ihre stärkste moralische Kraft. Nirgendwo sonst auch wurde sie derart verfolgt, wobei - beginnend mit den Dekabristen - Zigtausende nach Sibirien verbannt wurden, emigrierten oder starben. Allein mit den Grabsteinen der "dahingeopferten" revolutionären Jüdinnen hätte man den langen Weg von Paris nach St. Petersburg säumen können, meinte die marxistische Frauenforscherin Fannina W. Halle 1932. Was sich trotzdem aus diesem Typus in Rußland an Studentenprotest, Frauenbewegung, Kommunen und Terrorismus entwickelte, nahm die westeuropäische 68er-Bewegung und ihren weiteren Verlauf - 100 Jahre vorher bereits - vorweg.

Aus dem Kreis der berühmten "Männer und Frauen der Sechzigerjahre" die "ins Volk" gegangen waren, um vor allem auf dem Land die Bauern zu agitieren, bildete sich die Redaktionsgruppe der illegalen Zeitung "Zemlja i Volja" (Land und Freiheit), in der zunächst noch die unterschiedlichsten revolutionären Ideen koexistierten. Auf einem Treffen in Woronesh kam es 1879 jedoch zu einer Spaltung: Während die einen, um Nikolai Alexandrowitsch Morosow, für den politischen Mord votierten, lehnten die anderen, um Georgi Plechanow und Vera Sassulitsch, Attentate strikt ab. Obgleich letztere 1878 selbst ein kühnes Attentat verübt hatte, indem sie den Stadtkommandanten von St. Petersburg niederschoß, weil der einen ihrer Genossen im Untersuchungsgefängnis wegen mangelnder Ehrerbietigkeit ihm gegenüber auspeitschen ließ - ungeachtet der Gerichtsreform von 1863, mit der Körperstrafen weitgehend verboten worden waren. In einem aufsehenerregenden Gerichtsprozeß (dessen Plädoyers Dostojewski später in seinen Roman "Die Brüder Karamasow" einarbeitete) wurde Vera Sassulitsch freigesprochen. Das Urteil hob man zwar wenig später wieder auf, aber ihr gelang rechtzeitig die Flucht ins Ausland. Die Tat und der Freispruch machten sie in ganz Europa berühmt, man nannte Vera Sassulitsch "die Mutter des Terrors", während sie selbst sich im Exil mehr und mehr von jeglichem "Attentismus" abwandte. Ab 1900 gab sie mit Lenin zusammen die Zeitschrift "Iskra" (Der Funken) heraus.

Die Militanten von Woronesh hatte ihren Zusammenschluß "Narodnaja Volja" (Volkswille) genannt, die Gemäßigten für sich den Namen "Cernyi Peredel" gewählt - schwarze Umverteilung, womit eine gerechte Verteilung des schwarzen, d.h. bewirtschaftbaren Bodens an die Bauern gemeint war. Dabei wollten sie an der altherbebrachten Form der bäuerlichen Selbstbestimmung, der Dorfgemeinschaft (Obschtschina), anknüpfen, die den Gemeinschaftsbesitz an Boden verwaltete. Zunächst studierte diese Gruppe um Plechanow in ihrem Exil jedoch vor allem die Schriften von Marx und Engels, die sie teilweise ins Russische übersetzten. 1881 schrieb Vera Sassulitsch einen Brief an Karl Marx:

"Verehrter Bürger!
Sie wissen, daß sich Ihr Werk 'Das Kapital' in Rußland großer Beliebtheit erfreut. Trotz der Konfiszierung der Ausgabe werden die wenigen verbliebenen Exemplare von einer Masse mehr oder weniger gebildeter Leute in unserem Land wieder und wieder gelesen; bedeutende Menschen befassen sich damit. Aber was sie vielleicht nicht wissen, ist, welche Rolle 'Das Kapital' in unseren Diskussionen über die Agrarreform in Rußland und über die ländliche Kommune spielt. Sie wissen besser als jeder andere, wie dringlich diese Frage in Rußland ist. Sie wissen, was Tscherynschewski darüber dachte. Unsere fortschrittliche Literatur wie die [einst von Nekrassow redigierte Zeitschrift] 'Vaterländische Notizen' zum Beispiel, entwickelt seine Ideen weiter fort. Aber diese Frage ist meiner Ansicht nach eine Frage von Leben und Tod...Eines von beidem: Entweder ist diese Landbevölkerung, einmal von den unmäßigen Forderungen des Fiskus, den Zahlungen an die Großgrundbesitzer und von der willkürlichen Verwaltung befreit, fähig, sich in sozialistischer Richtung weiterzuentwickeln, d.h. ihre Produktion und die Verteilung der Güter auf kollektivistischer Basis zu organisieren. In diesem Fall muß der sozialistische Revolutionär all seine Kräfte der Befreiung der Landbevölkerung und ihrer Entwicklung zur Verfügung stellen. Wenn hingegen die ländliche Kommune zum Untergang bestimmt ist, bleibt den Sozialisten nur noch übrig, sich mehr oder weniger gut begründeten Rechnungen hinzugeben, um herauszufinden, in wie vielen Jahrzehnten das Land des russischen Bauern aus seinen Händen in die der Bourgeoisie übergeht...Sie werden dann einzig unter den Arbeitern in den Städten Propaganda machen müssen, die ständig von der Menge der Bauern überschwemmt sein werden..."

Marx gab sich große Mühe bei der Beantwortung des Briefes von Vera Sassulitsch - er lernte sogar Russisch, um dabei einige Originalquellen heranziehen zu können. Schließlich schrieb er ihr - auf Französisch:

In Westeuropa sei die "Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln", die "Expropriation der Ackerbauern" ausgehend von England mit "historischer Unvermeidlichkeit" vollzogen worden, aber in Russland könnte "die Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands" sein. Nur "müsste man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen". Der Ackerbaugemeinde wohnt laut Marx ein Dualismus inne, der "sie mit großer Lebenskraft erfüllen kann, denn einerseits festigen das Gemeineigentum und alle sich daraus ergebenden sozialen Beziehungen ihre Grundlage, während gleichzeitig das private Haus, die parzellenweise Bewirtschaftung des Ackerlandes und die private Aneignung der Früchte eine Entwicklung der Persönlichkeit gestatten, die mit den Bedingungen der Urgemeinschaft unvereinbar ist. Aber es ist nicht weniger offensichtlich, dass der gleiche Dualismus mit der Zeit zu einer Quelle der Zersetzung werden kann." Neben dem Privateigentum "in Gestalt eines Hauses mit seinem Hof" könnte sich insbesondere "die parzellierte Arbeit als Quelle der privaten Aneignung" zersetzend auswirken: "Sie läßt der Akkumulation beweglicher Güter Raum" und "dieses bewegliche, von der Gemeinde unkontrollierbare Eigentum, Gegenstand individuellen Tausches, wobei List und Zufall leichtes Spiel haben, wird auf die ganze ländliche Ökonomie einen immer größeren Druck ausüben. Das ist das zersetzende Element der ursprünglichen ökonomischen und sozialen Gleichheit. Es führt heterogene Elemente ein, die im Schoße der Gemeinde Interessenkonflikte und Leidenschaften schüren, die geeignet sind, zunächst das Gemeineigentum an Ackerland, dann das an Wäldern, Weiden, Brachland etc. anzugreifen, die, einmal in Gemeindeanhängsel des Privateigentums umgewandelt, ihm schließlich zufallen werden."

Die noch quasi urkommunistisch organisierte Obschtschina auf Basis einer weitgehenden Subsistenzwirtschaft hatte man - und das bis in die jüngste Zeit - auch immer wieder von oben zu zerschlagen versucht, d.h. von der Zentralmacht aus, weil dieser der Prozeß der inneren Zersetzung der Obschtschina nicht schnell genug voranschritt. Das geschah einmal mit der Landreform von 1861, nach der die von der Leibeigenschaft "befreiten" Bauern sich zugleich bei den Gutsbesitzern verschulden und damit verdingen mußten. Dann unter dem Druck der Revolution von 1905/07 mit den Stolypinschen Agrarreformen, die den sozialen Differenzierungsprozeß beschleunigen sollten und es jedem Gemeindemitglied ermöglichten, seinen Landanteil zu verkaufen und wegzuziehen. Schließlich ab 1928 mit der Verstaatlichung des gesamten Landes und der Kollektivierung der armen und Mittelbauern bei gleichzeitiger Liquidierung der als ausbeuterisch klassifizierten Kulaken. Aus der Obschtschina wurden dabei Kolchosen und Sowchosen und aus freien Bauern befehlsempfangende Landarbeiter, denen man ab 1932 sogar den Paß abnahm, ohne den sie ihr Dorf nicht verlassen durften.
Unter Chruschtschow faßte man 1956 die Dörfer und Produktionskollektive zu "territorialen Wirtschaftseinheiten" zusammen. 1970 erfolgte unter Breschnew ihre "Reorganisation". Und 1986 wurde aus dem alten Wort für "Dorfplatz" - MIR - eine Weltraumstation. Zur selben Zeit bedauerte nebenbeibemerkt der bayrische Filmemacher Herbert Achternbusch: "Da wo früher Pasing und Starnberg waren, ist nun Welt!" Zuletzt nach 1990 wurden in Russland insbesondere die wenig produktiven Kolchosen und Sowchosen aufgelöst oder sie zerfielen langsam, andere wurden von ihren Leitungskadern aber auch von reichen Städtern privatisiert, d.h. in GmbHs, Aktiengesellschaften oder ähnliches umgewandelt bzw. zerschlagen. Gleichzeitig entstanden jedoch an vielen Orten auf dem postsowjetischen Territorium auch wieder neue, selbstorganisierte Obschtschinas, nicht selten in Form von Sippenverbänden und Gemeinschaften der einst nach Osten verbannten Kulaken; daneben gab es
auch wieder Genossenschaften, Artel, Kommunen. Der Geist der alten Dorfgemeinschaft erfaßte sogar Datschensiedlungen. Die kollektive Wirtschaftsweise und die Obschtschina-Idee sind also auch heute noch nicht tot. Sie hatte, wie bereits Trotzki bemerkte, u.a. in den städtischen Fabriken überlebt, wo einzelne Kollektive sich aus ehemaligen Dorfgemeinschaften zusammensetzten, ähnliches galt sogar für die Arbeitslager, Gefängnisse und die neugebauten Hochhäuser am Stadtrand, in denen man bisweilen "Dorfälteste" wählte. Überhaupt hat noch jede russische Revolte und Revolution die Obschtschina gestärkt.
Im Jahre 1905 befanden sich 9,5 Millionen Bauernhaushalte in Dorfgemeinschaften, daneben gab es 2,8 Mio Einzelhöfe. Deren Zahl verdoppelte sich in der Folgezeit - bis 1917 sämtliche "Reformbemühungen" von oben "nahezu zunichte gemacht wurden", wie der antikommunistische US-Historiker Robert Conquest in seinem Buch über die Kollektivierung "Ernte des Todes" schreibt. Denn Millionen von Kleinbauern nahmen unter der bolschewistischen Parole "Das Land denen, die es bearbeiten" den Großgrundbesitzern das Land weg "und schlossen sich verstärkt in Dorfgemeinschaften zusammen", daneben entstanden eine Unzahl von Kommunen, Artels (Genossenschafen) und "befreiten Gebieten".
1927 bewirtschafteten die Dorfgemeinschaften 95 Prozent des Gutsbesitzes, nur 3,5 Prozent waren noch "eigenständige Höfe vomStolypin-Typus".

Auf die in Vera Sassulitschs Brief aus dem Jahr 1881 enthaltene Frage, warum ein revolutionärer Kampf für den Erhalt der russischen Dorfgemeinschaft sinnvoll sein könnte, schrieb Marx:

"Ich antworte: Weil in Russland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umständen, die noch in nationalem Maßstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesenszügen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Maßstab entwickeln kann."

Unter Alphabetisierung, Aufklärung und politische Agitation auf dem Land verstand man auch und vor allem die Vermittlung agrarwissenschaftlicher Kenntnisse und Techniken. Dabei bildete das Studium der Schriften von Lamarck und Darwin sozusagen die Grundlage. Letzterer hatte sich nach 1859 immer mehr an die teleologische Evolutionstheorie von Lamarck angenähert, wobei dieser Aspekt in der russischen Rezeption von vorneherein betont worden war. So griff Darwin z.B. bei seiner "Erklärung der Evolution des Menschen und seines Verhaltens" auf die lamarckistische "Hypothese der Vererbung erworbener Eigenschaften" zurück, erst recht dann in seiner 1871 erschienenen Schrift "Die Abstammung des Menschen durch natürliche Zuchtwahl", in der es heißt: "Das höchste Element der menschlichen Natur" wurde und wird "entweder direkt oder indirekt durch die Folgen von Gewohnheit, Geisteskräften, Belehrung, Religion etc. vorangetrieben, viel mehr als durch die natürliche Auslese". Dieser "Lamarckismus" half ihm, wie der Biologiehistoriker Torsten Rüting sagt, "sicher zu stellen, dass der Fortschritt unweigerlich, kontinuierlich und auf einen Zweck gerichtet voranschreitet" - am Ende also die Tugend triumphiert!

Das mußte auch und gerade der Arbeiterbewegung gefallen: Wenn nicht einmal in der Natur die Dinge mehr ewig und unveränderlich waren, dann erst recht nicht in der Gesellschaft - sie stellten Darwin gewissermaßen vom Kopf auf die Füße. So bestand etwa Moses Hess darauf, "daß auch die selbständige Entwicklung der menschlichen Gesellschaft den Naturgesetzen der Entwicklung unterworfen ist". Die Theoretiker der Arbeiterbewegung "trafen sich in diesem Punkt mit jenen bürgerlichen Autoren, die den bestehenden feudalen Strukturen kritisch gegenüberstanden und in der Evolutionstheorie eine weltanschauliche Waffe für ihren Kampf um die Modernisierung und Demokratisierung sahen," schreiben Kurt Bayertz und Wolfgang Krohn in einem Aufsatz über Friedrich Engels Schrift "Dialektik der Natur", weiter heißt es bei ihnen: "...wenngleich jedoch auch für Engels kein Zweifel daran besteht, daß die menschliche Geschichte nur die Fortsetzung der Naturgeschichte ist, so wendet er sich doch
energisch gegen die von zahlreichen Theoretikern unternommenenen Versuche, die Mechanismen der organischen Evolution ('Kampf ums Dasein') unmittelbar auf die Gesellschaft zu übertragen, da diese der Spezifik menschlichen Handelns nicht gerecht wird. Die menschliche Gesellschaft unterscheidet sich von der Naturgeschichte dadurch, daß die Menschen ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, machen..."

Dennoch ist der Unterschied zwischen (Darwinscher) Naturgeschichte und menschlicher Kulturgeschichte für Engels kein absoluter, weil "die unkontrollierten Kräfte" auch in der menschlichen Geschichte noch immer "weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten...Darwin wußte nicht, welch bittere Satire er auf die Menschen und besonders auf seine Landsleute schrieb, als er nachwies, daß die freie Konkurrenz, der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste geschichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des Tierreichs ist." Für Engels, ebenso wie auch für August Bebel, hebt deswegen nur eine bewußte, planmäßige Produktion den Menschen aus der Tierwelt heraus:
Erst der Sozialismus wird diesem "Kampf" ein Ende bereiten - und die Menschheit in eine neue Phase eintreten, in der kein Ressourcenmangel mehr herrscht - und ein "neuer Mensch" auf den Plan getreten ist.

Dessen Anfänge sich natürlich gemäß der 3. Marxschen Feuerbachthese noch selbst "umerziehen" müssen. Dazu wußte z.B. die Terroristin Vera Figner, die bis zu ihrer Verhaftung im Vorstand der "Narodnaja Wolja" aktiv war, aus eigener Gefängnis-Erfahrung mitzuteilen: "Ich glaube, es ist unmöglich, in langjähriger absoluter Einzelhaft psychisch intakt zu bleiben, nicht wahnsinnig zu werden. Doch daß man nach einem langjährigen Aufenthalt in einer Gemeinschafts-Zelle seine Seele noch intakt bewahrt, scheint mir einzig und allein mit Hilfe einer großen Selbstdisziplin und Umerziehung möglich..." Es Vera Figner gleich tuend, nahmen derart viele Russinnen im ausgehenden 19. Jahrhundert ein solches "Projekt" in Angriff, "dass die Frau in Rußland überhaupt zur Seele der Revolution" wurde, wie eine ihrer Historikerinnen, Fannina Halle, schrieb. Dem lebenslänglich verbannten Dichter Tschernyschewski kommt dabei der Verdienst zu, mit seinem Roman "Was tun?", den er 1863 in der Peter-Pauls-Festung verfaßte, eine Antwort darauf gegeben zu haben, wie sich die Frauenfrage aus der Theorie in die Praxis umsetzen ließe. "Wir lasen sein Buch mit gebeugten Knien", erinnerte sich ein ebenfalls nach Sibirien Verbannter, der sich davon mit etlichen anderen zum Terrorismus hatte inspirieren lassen. In Tschernyschewskis Werk "Was tun?", geht es darum, dass eine Frau aus dem Familienleben ausbricht, um wirtschaftlich unabhängig zu sein und einen sozialen Wirkungskreis zu haben. Dazu gründet sie einen "auf kaufmännischer Grundlage aufgebauten kommunistischen Artel - als erste Zelle eines zukünftigen sozialistischen Staatsorganismus". Nach Erscheinen des Buches, das einen "Sturm" auslöste, befürchteten Eltern und Ehemänner, dass ihnen die Töchter bzw. Ehefrauen weglaufen würden - was tatsächlich hier und da auch geschah, so entstanden an vielen Orten "Arbeitsgenossenschaften". In der Hauptstadt lebten die Frauen in sogenannten Petersburger Kommunen - zusammen mit Studenten. Hier begannen sie mit der Agitation unter Fabrikarbeitern, wobei einige der Frauen bald, "mit falschen Bauernpässen" versehen, anfingen, in Textilfabriken zu arbeiten.

Über die damalige Rezeption der Darwinschen Theorie in Russland schreibt der Biologiehistoriker Torsten Rütting: "Während Darwins 'Origin of Species' in der schwerfälligen Übersetzung des Botanikprofessors Sergej Raschinskij mit ihren detaillierten wissenschaftlichen Beschreibungen nur eine kleine Schicht von Gelehrten ansprach", wurde vor allem eine umfangreiche Interpretation seiner Schriften von Dimitrij Pissarew berühmt, die "unverkennbar den Stempel der radikalen Bewegung" trug. Der junge Publizist schrieb sie während einer mehrmonatigen Festungshaft, wo er in einer Einzelzelle direkt neben Tschernischewski saß, wie Wladimir Nabokov in seiner Biographie über diesen hervorhob. Pissarew veröffentlichte seine Darwin-Interpretation 1864 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Russkoje Slovo" (Das russische Wort). Laut Torsten Rüters machte er darin jedoch erst recht einen "lamarckistischen Darwinismus in Russland populär", denn er verfehlte das "essentiell Neue an Darwins Idee - das Ineinandergreifen von Variabilität und Selektion", indem er die "Zweckmäßigkeit in der Organismenwelt als durch bewußte Zielstrebigkeit und Willensanstrengung erwirkte Umweltanpassung der Organismen" erklärte. "Seine Ausführungen waren konzipiert als ideologische Waffe in den Auseinandersetzungen der 1860er-Jahre um die Erneuerung der russischen Gesellschaft..." Und diese Kämpfe reichten
bald immer tiefer. So berichtet Maxim Gorkij aus der Zeit seines Wanderlebens in "Meine Universitäten", wie sie in den ärmlichsten Kellerwohnungen Tschernyschewskis und Pissarews Texte studierten, an den Wänden hingen Bildnisse von Herzen, Darwin und Garibaldi, und ein
Tolstoianer fragte sie nach seinen Ausführungen polternd: "Seid ihr also für Christus oder für Darwin?" Ein ehemals Verbannter versorgte Gorkij dann mit weiteren "naturwissenschaftlichen Büchern", wobei er ihm den Rat gibt: "Sie müssen lernen, aber so, daß das Buch Ihnen die Menschen nicht verdeckt."

Für die gesamte russische Literatur dieser Epoche war es laut Rosa Luxemburg kennzeichnend gewesen, "daß sie aus Opposition zum herrschenden Regime, aus Kampfgeist geboren wurde". Ein Jahr bevor Nikolai Tschernyschewski seine Erzählung "Was tun?" veröffentlichte, erschien im "Russki westnik" (Russische Nachrichten) Iwan Turgenjews Roman "Väter und Söhne. Er skizzierte darin als erster den "Neuen Menschen" - den Revolutionär als "Beweger", wie er bald geradezu massenhaft in Erscheinung treten sollte. Die Handlung spielt Ende der Fünfzigerjahre und die Hauptfigur darin, der Medizinstudent Basarow, gehört noch zur Rasnotschinzengeneration, d.h. zu jener revolutionären Bewegung, die nicht mehr wie die Dekabristen zuvor von Adligen angeführt wurde, sondern von Leuten "unterschiedlichen Ranges", Kleinbürgern also.
Turgenjew nennt sie "Nihilisten" - und meint damit "Revolutionäre". Sie scharrten sich in jenen Jahren vor der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 um die Zeitschrift "Russkoje slowo" und "betrachteten die Aneignung und Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse als einzigen Weg zum Fortschritt Russlands", wie Klaus Dornbacher im Nachwort zur DDR-Ausgabe von Turgenjews "Väter und Söhne" schreibt. Weiter heißt es dort: Tschernyschewskis Roman sei dazu sowohl "eine Art Fortsetzung als auch eine indirekte Polemik". So decken sich Basarows Ansichten über "den bestimmenden Einfluß des sozialen Milieus und der Erziehung auf die Entwicklung des Menschen" fast wörtlich mit den von Dobroljubow und Tschernyschewski propagierten Ideen. Letztere standen damals an der Spitze des Kampfes für den Sturz des Zarismus durch eine Bauernrevolution und die entschädigungslose Aufteilung des Gutsbesitzes.
In Turgenjews Roman diskutieren die "Alten" und die "Neuen Menschen" bereits die Frage, ob die "Gemeindeselbstverwaltung" erhaltenswert sei. Basarow zeichnet sich durch eine unsentimentale, vulgärmaterialistische Haltung gegenüber dem "Leben" aus. Seine Bemerkungen über das Sezieren von Fröschen, um mehr über das Innere der Menschen zu erfahren, mußten übrigens die russischen Schüler mindestens bis zum Ende der Sowjetunion noch auswendig lernen - und sogar auch in Kleingruppen experimentell nachvollziehen: "eklig", so Wladimir Kaminer.

Auch Tschernyschewski bediente sich dann laut Torsten Rütting in seinem Buch eines "neurologischen Vokabulars", um einerseits die Sexualität und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern neu zu verhandeln und andererseits diese mit den damals aktuellen Debatten um die Neuordnung der Gesellschaft zu verbinden. Dergestalt nimmt er die lamarckistischen Naturwissenschaften in den Dienst der Zukunft des Neuen Menschen, der kontrolliert und rational ein moralisches und sinnvolles Leben führt.
"Viele der russischen Intellektuellen verwarfen in Übereinstimmung mit Marx und Engels, aber auch unabhängig von ihnen, die Idee von der Höherentwicklung durch Konkurrenzkampf, die Darwin von dem englischen Nationalökonom Thomas Malthus übernommen hatte".
Malthus glaubte, bewiesen zu haben, dass das rapide Bevölkerungswachstum verbunden mit einem ständig zunehmenden Mangel an Nahrung quasi automatisch eine natürliche Auslese der Besten gewährleiste. Während jedoch Marx und Engels davon ausgingen, dass Darwin Malthus überwunden habe, indem er dessen Gesetz auch in der Tier- und Pflanzenwelt für gültig erklärte, hielt man in Russland das ganze Prinzip der Konkurrenz eher für ein englisches Insel-Phänomen, dass in den unterbesiedelten russischen Weiten keine Gültigkeit habe. In dieser Einschätzung war sich noch der revolutionäre Narodnik Michailowski mit dem ultrakonservativen Oberprokuror Pobjedonoszew einig: Beide taten diesen Aspekt des Darwinismus als eine "händlerische Faustregel" ab, die "unsere [russische] Seele nicht annehmen" könne. Auch der Geograph und Anarchist Peter Kropotkin war dieser Meinung und bemühte sich, demgegenüber die "Sittlichung" der biologischen Gesetze - ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen in Sibirien - heraus zu arbeiten. Ebenso abgelehnt wurden in Russland dann auch die Experimente von August Weismann zur Widerlegung der Vererbung erworbener Eigenschaften und zur Konstanz des Keimplasmas, die u.a. die Theorie des Neo-Darwinismus begründeten, der in seiner molekularbiologischen Fassung dann von einem - "unbewegten Beweger" ausging und -geht, wie Max Delbrück das später aristotelisch gestimmt
nannte.


Die russische Debatte mußte sich nach der Revolution von 1917 noch zuspitzen, denn nun ging es ja um die planmäßige Gestaltung der gesamten Produktion - und auch die Schaffung des Neuen Menschen konnte jetzt im großen Stil in Angriff genommen werden. Zunächst bekamen dabei anscheinend die Neodarwinisten Oberwasser, indem sie die Eugenik als praktisches Projekt ins Spiel brachten - sie versprach sozusagen flächendeckend eine Verbesserung des Menschenmaterials. So legte z.B. der amerikanische Drosophilaforscher Hermann Joseph Muller Stalin 1935 einen großen eugenischen Plan vor, den er "Aus dem Dunkel der Nacht" betitelte: "Viele zukünftige Mütter, befreit vom religiösen Aberglauben, werden stolz sein, ihr Keimplasma mit dem eines Lenin oder Darwin zu mischen, um der Gesellschaft mit einem Kind von ihren biologischen Eigenschaften zu diesen...Echte Eugenik kann nur ein Produkt des Sozialismus sein". Gegen diese makropolitischen Pläne protestierten nicht nur die Frauenverbände, auch in den Zeitungen wurde gegen solche oder ähnliche Mixturen aus Soziologie und Biologie zur Massenproduktion des Neuen Menschen polemisiert, zumal nachdem ab 1933 das faschistische Deutschland die Rassenverbesserung qua Biopolitik auf seine Fahnen geschrieben hatte und die Eugenik damit für die sozialistische Sowjetunion quasi "verbrannt" war, wobei das Ziel jedoch nicht in Frage gestellt wurde, das man aber eher durch Pädagogik, Kollektivierung, Arbeit auf den Großbaustellen des Sozialismus, mit Taylorismus, Arbeitswissenschaft und - bis zum Sturz Trotzkis - mit Psychoanalyse erreichen wollte. Immer wieder kam es dabei zu neuen Kampagnen und Komsomolprojekten. Nicht die unwichtigsten waren sicher die Selbstversuche, bei denen Einzelne analog zu den einst "berühmten Männern und Frauen der Sechzigerjahre" sich selbst zu neuen Menschen erzogen - und gleichzeitig in einem Tagebuch darüber Rechenschaft ablegten. Unmerklich weitete sich dieser eher mikropolitisch zu nennende Ansatz, indem nun auch eine "Neue Natur" in den Blick geriet: Alles war machbar und ließ sich bewegen, auch die Pflanzen und Tiere waren lernfähig, man konnte sie erziehen - verbessern. Ein ganz neues Vokabular entstand (dafür) - schließlich eine ganze "proletarische Biologie"....

(Dieser Text eines Vortrags im Rahmen des Kongresses "Kommunismus. Was sonst." ist der 1. Teil eines Beitrags über den "Lamarxismus" für die Aufsatzsammlung "Anti-Darwin", die im Herbst 2006 im Kulturverlag Kadmos erscheint und von Helmut Höge, Peter Berz und Cord Riechelmann herausgegeben wird.)