Selbstdarstellung


 

Die Kommune von Kronstadt
von Klaus Gietinger

 

 

 

Teil I

Krieg gegen die Revolution

 

 

 

 

 

 

Vor 76 Jahren am 16. März 1921 griffen 50000 Rotarmisten unter General Tuchatschewski die Festung Kronstadt an, in der sich 14000 Matrosen verschanzt und zweieinbalb Wochen lang, zusammen mit der Zivilbevölkerung der Stadt, die „Dritte Revolution“ gelebt undverkündet hatten. Es waren jene Matrosen, die von Trotzki einmal als »Schönheit und Stolz der Oktoberrevolution« gepriesen worden waren. weil sie über drei Jahre zuvor den Bolschewiki zum Sieg verholfen hatten.

Kronstadt gab einem Aufstand den Namen, der den Niedergang der Oktoberrevolution symbolisiert, wie kein anderer. Kronstadt ist der point of no return der russischen Revolution. Danach war die Sache praktisch gelaufen. Wie aber kam es zum Kronstädter Aufstand? War es ein konterrevolutionärer Putsch oder der Versuch, die Revolution in die Hand derer zurückzuholen, die sie gemacht hatten, die »werktätigen Massen«?

»Es gibt nur ein einziges Land unter den kriegführenden Staaten«, das dank seiner »Entwicklung über solche ökonomischen und geistigen und kulturellen Mittel verfügt, daß es (...) den nottuenden Zusammenschluß der ganzen Kulturwelt verwirklichen kann. Dieses Land heißt Deutschland« Der da 1916 sprach, hieß nicht Ludendorff oder Wilhelm II. Nein, dieser Mann hieß Trotzki.

In Rußland angekommen, verkündete er am Vorabend der Oktoberrevolution im August 1917: »Für die Einführung der Kontrolle der Produktion und die Verteilung hatte das Proletariat sehr wertvolle Vorbilder in Westeuropa, vor allem in dem sogenannten >Kriegssozialismus< Deutschlands. «

Dieser Kriegssozialismus war im April des selben Jahres so nett gewesen, Trotzkis Chef einen Zug, freies Geleit durch Deutschland und eine Menge Geld zu verschaffen (50 Millionen Goldmark). Lenin kam pünktlich an auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd, dem ehemaligen St. Petersburg und noch nicht Leningrad, das hat er nicht vergessen.

Die Preußen machten mächtig Eindruck auf die Bolschewiki: »Solange in Deutschland die Revolution noch mit ihrer Geburt säumt, ist es unsere Aufgabe, vom Staatskapitalismus der Deutschen zu lernen, ihn mit aller Kraft zu übernehmen, keine diktatorischen Methoden zu scheuen, um diese Übernahme noch stärker zu beschleunigen, (...) ohne dabei vor barbarischen Methoden des Kampfes gegen die Barbarei zurückzuschrecken«, schrieb Lenin im Mai 1918.

Deutlich ist hier die Verbindung von Organisation, Disziplin und ßarbarei. Und da hätten die Deutschen einiges zu bieten. Der »militärische Realismus« benötigt einen richtig angewandten und zweckmäßig geregelten Terrorismus«. Kein Leninzitat, auch keins von Dserschinski, dem Haupt der 1917 geschaffenen Terrortruppe, der Tscheka. Nein, dieses Zitat stammt vom dem deutschen General von Hartmann aus seinem Buch »Miltärische Notwendigkeit und Humanität«, geschrieben im Jahr 1878. Seit 1902 war es faktisch Militärdoktrin des deutschen Generalstabes. »Kriegsräson geht vor Kriegsmanier« bzw. »Not kennt kein Gebot« hießen die hunnischen Regeln. Und 1914 zeigten die Deutschen, was sie darunter verstanden. Tausende von belgischen Arbeitern wurden als Arbeitssklaven verschleppt, 6000 Zivilisten dieses kleinen Landes hingerichtet, die massenhafte Geiselnahme eingeführt.

Wir wissen nicht, ob Lenin und Trotzki diese Taten des deutschen »Kriegssozialismus« im Einzelnen kannten, doch verblüfft das Bestreben, es »noch besser« zu machen. Denn im Februar des Jahres 1918— als sich die Bolschewiki noch die Macht mit den linken Sozialrevolutionären, die die Kleinbauern Rußlands vertraten, teilen mußten — waren die Friedensverhandlungen von Brest­Litowsk (vorerst) gescheitert und die Revolution vom Vormarsch der Deutschen bedroht.

Lenin erließ sein Dekret: »Das sozialistische Vaterland in Gefahr«. Die Bevölkerung wurde zur Verteidigung des Landes und des Sozialismus aufgerufen. Ganz nebenher sollten dabei »feindliche Agenten, Spekulanten, Plünderer, Rowdys, konterrevolutionäre Agitatoren und deutsche Spione (...) am Tatort«, also ohne Gerichtsverfahren, erschossen werden. Isaak Steinberg, Volkskommissar für die Justiz, linker Sozialrevolutionär und als solcher Gegner der Todesstrafe — sie war am Tag 1 der Oktoberrevolution mit den Stimmen der Bolschewiki abgeschafft worden — hatte Einwände. Lenin antwortete: »Glauben Sie, daß wir siegreich sein können ohne den wahrhaft grausamsten revolutionären Terror?« Steinberg glaubte es: »Wozu brauchen wir dann noch ein Kommissariat für Justizwesen, nennen wir es doch einfach Kommissariat für soziale Ausrottung!« »Das ist genau das, was es sein sollte«, erwiderte Lenin, »aber das können wir nicht sagen. «

Aus dem Volkskrieg und der sozialen Ausrottung wurde nichts. Noch nichts. Denn die Bolschewiki (selbst in dieser Frage zerrissen) unterschrieben den Friedensvertrag mit den Deutsche doch noch, gegen den heftigen Widerstand der linken Sozialrevolutionäre, die deswegen aus der Regierung austraten. Rosa Luxemburg wettert ebenfalls. Doch die hatte es sich spätesten sei ihrem bösen Artikel (Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, 1905) gegen Lenins reaktionäre, dem deutschen Militarismus verwandten Disziplinvorstellungen mit ihm verdorben.

Außerdem saß sie im Gefängnis. So verloren die Bolschewiki die Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen, Teile Weißrußlands und 50 Prozent der Industrie des Zarenreiches.

Die von Lenin erhoffte Atempause für die Revolution aber blieb aus. Ab Sommer 1918 fielen mehrere lnterventionsheere in Rußland ein und überzogen das Land mit Terror, weißem Terror. Trotzki organisierte die Rote Armee, baute diese nach klassischen Vorbild auf: Dem preußischen Kadavergehorsam. Dies bedeutete die Rücknahme wichtiger Errungenschaften der Revolution (Milizsystem. Wahl der Offiziere, Soldatenräte) und war, wie die Zertrümmerung der Soldatenräte durch die SPD in der deutschen Novemberre­volution, konterrevolutionär.

Dem Einwand, gegen einen von allen Seiten einfallenden Feind hilft keine demokratisch organisierte Armee. kann man mit Rudi Dutschke antworten, daß »eine solche Situation gerade für Milizen und Partisanenkampf geeignet« ist. Aber Lenin und Trotzki gaben die »basisdemokratische« Reorganisation des sich auflösenden Heeres — nach ersten Mißerfolgen — nur zu schnell auf. Die Bolschewiki (außer Teilen ihres linken Flügels) wollten keine Armee von unten, genauso wie in Lenins Schrift »Staat und Revolution«, in der er sich dem Anarcho-Syndikalismus und den russischen Massenbewegungen näherte, nur als Nebelwerfer diente (der beim zweiten Hinsehen den alten Autokratismus nur versteckte).

Gleiches gilt für die Übernahme der Losung »Alle Macht den Sowjets«. Dies war nur ein verzweifelter (und geglückter) Versuch Lenins gewesen. die Revolution fünf Minuten vor 12 an sich zu reißen und den Massen wegzunehmen, wie es Arthur Rosenberg richtig feststellte.

Auf seine Kaderpartei und auf seinen den Preußen abgeguckten diktatorischen Stil wollte Lenin nie verzichten. Und Trotzki? Noch 1905 schoß er mit Rosa Luxemburg gegen Lenin, aber spätestens 1911, als diese auch ihm »jesuitische Politik« vorwarf, hatte auch sie es bei ihm verschissen. Trotzki begeisterte sich fortan für Lenin und fürs deutsche Militär.

Genüßlich rieb sich der Chef der Obersten Heeresleitung, Groener, im Dezember 1918 in Berlin die Hände und ließ den Widerhall seines Militarismus im fernen Rußland den deutschen unabhängigen Sozialdemokraten in der deutschen Revolutionsregierung um die Ohren krachen: »Übrigens gestalten auch die Russen ihr Heer in alter Weise mit Drill und nichtgewählten Offizieren«. Deutsche Militärs und russische Kommunisten waren bestens voneinander unterrichtet.

Mit der Abschaffung der Rätedemokratie in der russischen Armee (sie lebte nur von Oktober 1917 bis April 1918) war nun aber auch die entscheidende Bresche in das Rätesystem selbst gelegt. Unter dem Druck der alten und neuen bolsche­wistischen Organisationsprinzipien, die sich durch den Bürgerkrieg nur beschleunigt durch­setzten, entstand das, was später >Kriegskommunismus< genannt werden sollte und zur totalen Katastrophe führte.

»Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik retten«, hieß der Titel von Trotzkis Vorschlag zur Militarisierung der ganzen russischen Gesellschaft. »Sozialismus ist uns Organisation, Ordnung und Solidarität«, sagte der deutsche »Bolschewik«, der Mehrheits-Sozialdemokrat Friedrich Ebert, im Januar 1919 auf der Eröffnung der Nationalversammlung. Hatte er von Trotzki abgeschrieben? Oder klangen beide nur so ähnlich, weil sie Freunde des deutschen Militarismus waren?

Wie auch immer, für Lenin, war klar: »Widerspruchslose Unterordnung unter einen einheitlichen Willen ist für den Erfolg der Prozesse der Ar­beit, die nach dem Typus der maschinellen Großindustrie organisiert wird, unbedingt notwendig.« Also wurden die Räte (Sowjets) und die Betriebskomitees, die die Sozialisierung von unten massenweise (und ohne Anleitung von oben) durchgeführt hatten, entmachtet. Die kollektive Leitung in den Betrieben durch Einzelleitung (meist der alten Besitzer) ersetzt. Die syndikalistischen Versuche, die Wirtschaft über einen Allrussischen Betriebsrätekongreß zu organisieren, hatte man mit Hilfe der Gewerkschaften schon im Januar 1918 verhindert. Der Kongreß fand nie statt.

Statt dessen wurde eine gigantische bürokratische Behörde geschaffen, der Oberste Volkswirtschaftsrat, dessen vom Zarismus geerbter Wasserkopf umständlich-lustlos (und vergeblich) versuchte, einen Wirtschaftsplan zu erstellen. Links-kommunistische Führer wie Ossinski (die Kompromisse zwischen Zentralplan und Arbeiterkontrolle im Kopf hatten) ersetzte man bald durch den rigorosen Zentralisten Larin: »Ich nahm die deutschen Kriegsgesellschaften und übersetzte sie ins Russische.« So einfach war das. Statt Sozialismus mit Arbeiterkontrolle und Betriebsräteherrschaft entstand so ein starres, von der Partei kontrolliertes, nicht funktionierendes Leitungssystem. Dies war die zweite konterrevolutionäre Maßnahme der Bolschewiki.

Auf die Spitze getrieben wurde solcherart Kriegskommunismus durch die von Lenin gefürchteten, aber trotzdem geduldeten Versuche der Abschaffung des Geldes. Sich auf Marx‘ dürre Kritik des Gothaer Programm stützend (»Jeder erhält von der Gesellschaft einen Schein, daß er soundso viel Arbeit geliefert (...) und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat soviel Konsumtionsmittel heraus, als gleich viel Arbeit kostet.«), glaubten die Bolschewiki, im Sozialismus würde Geld sehr schnell überflüssig. Also ließ man munter die Gelddruckpressen laufen, bis die Inflation gigantische Ausmaße annahm. Da es aber nicht gelang, ein Rechnungssystem der Betriebe untereinander zu entwickeln, hatten die Bolschewiki die einzig taugliche Rechnungsgröße vernichtet. Gleichzeitig wurden Güter des täglichen Bedarfs, Wohnen, Energieversorgung, Transport und kulturelle Versorgung für kostenlos erklärt. Das Kommissariat für Versorgungsfragen (der zweite bürokratische Wasserkopf) sollte die Verteilung organisieren. Doch der schwarze Markt, auf dem die Russen ihre kostenlos erhaltenen Waren verscherbelten, war, wie der Igel gegen den Hasen, immer schneller. Dies wurde durch landwirtschaftliche Experimente noch verschlimmert.

Die Diktatur des Proletariats hatte in einem Staat, der zu 80 Prozent aus Bauern und nur zu weniger als 15 Prozent aus Arbeitern bestand, seine Schwierigkeiten. Trotzki haßte die Bauern. Lenin wußte, daß er ohne sie nicht auskam, auch wenn er ihnen »kleinbürgerliche Tendenzen« unterstellte. So kamen die Bolschewiki gleich zu Beginn der Forderung der linken Sozialrevolutionäre nach und führten eine Bodenreform durch. Die Gutsbesitzer wurden enteignet, das Land (entgegen dem Verstaatlichungsprogramm der Bolschewiki) verteilt. Faktisch war dies nur eine Legalisierung der von den Bauern »wild sozialisierten« Flächen. Tatsächlich betrug der Landgewinn der Bauern kaum mehr als 10 Prozent — viele gingen leer aus.

Die das größte Mehrprodukt liefernden landwirtschaftlichen Großbetriebe wurden dadurch aber zerschlagen, und die Schicht sogenannter Mittelbauern wuchs an. Die von Marx (aber nicht von den Bolschewiki) so geschätzte archaische russische Dorfgemeinde, die Obscina, gelangte unbeabsichtigt zu neuer Blüte. Gleichzeitig aber beanspruchten Lenin und seine Partei autokratisch das (schon von Kerenski eingeführte) Getreidemonopol. Bürgerkrieg, Inflation und der Crash der Industrieproduktion verschärften das Ganze. Die Rote Armee und die Städte brauchten dringend Nahrungsmittel, die die Bauern nicht verkauften oder tauschten. weil sie dafür nichts oder nur wertloses Papier bekamen.

Also verlangten die Kommunisten von den Bauern, ihre sämtlichen Überschüsse abzugeben. Um dies durchzusetzen, erklärten sie faktisch den Dörfern den Krieg, gründeten »Komitees der Dorfarmut«, mit denen sie einen Keil in die Dorfgemeinschaften treiben wollten, und belegten das Land mit rücksichtslosem Terror. Eintreibungskommissionen verbreiteten Angst und Schrecken.

Dies, die »Raswjorstka«, war die dritte konterrevolutionäre Maßnahme der Bolschewiki. Dabei hätten die Bauern, die ja erstmal von der Revolution profitiert hatten, durchaus mit sich reden lassen. Die amerikanische Anarchistin Emma Goldmann, damals monatelang in Rußland, berichtet:

»Die Bauern weigerten sich in der Tat, ihre Produkte den Agenten der Regierung auszuhändigen. Sie forderten das Recht, mit den Arbeitern direkt in Verbindung treten zu können, doch das wurde ihnen verweigert.« Die Bolschewiki zogen es vor, 80 Prozent der Bevölkerung ihres Arbeiter- und Bauernstaates Mores zu lehren.

Maria Spiridonowa, 1906 Attentäterin auf einen zaristischen Staatsrat und linke Sozialrevolutionärin, sammelte mit Entsetzen die Berichte der verzweifelten Bauern: »Wir haben das Getreide nicht verborgen, wir haben laut Befehl nach dem Dekret neun Pud pro Kopf für ein Jahr für uns behalten (1 Pud entspricht zirka 16,4 Kilo, die benötigte Jahresration eines Erwachsenen wurde auf mindestens 14 Pud geschätzt). Da sandten sie uns ein Dekret, dem zufolge wir nur sieben Pud behalten durften. Das haben wir getan. Da kamen die Bolschewiki mit militärischen Abteilungen und raubten uns völlig aus.«

»Verprügelungen von Bauern sind in einigen Gouvemements festgestellt worden. Enorm aber ist die Zahl der Erschießungen, der Ermordungen, während der Gemeindeversammlungen, am helllichten Tage und in der Nacht, ohne Gerichts­verhandlungen«, schreibt Spiridonowa an das Zentralkomitee der Bolschewiki. »Im Gouverne­ment Kaluga wurden im Bezirk Medyn 170 Per­sonen erschossen. Erschossen wurden auch vier Lehrerinnen, die sterbend unter den Kugeln: >Es lebe die Reinheit der Räteherrschaft< gerufen haben (...) Panzerautos und giftige Gase wurden zur Anwendung gebracht (...), in 13 Dorfgemein­schaften innerhalb sieben Tagen 200 Menschen erschossen (...) Smolensk, Bezirk Welisch, 600 Menschen erschossen (...), die Bauern an Stöcke gebunden und bis zu dreimal in Löcher, die man ins Eis geschlagen hatte, getaucht.« Das Ergebnis eines Jahres Kriegskommunismus.

Kein Wunder, daß die Bauern zu Feinden der Bolschewiki wurden, nur noch für den persönlichen Bedarf anbauten und sich ihrer Haut wehrten. Der Effekt: Es gelang den Bolschewiki nicht, die Bevölkerung mit Brot zu versorgen. Die Zwangsmaßnahmen waren wirtschaftlich ein totaler Reinfall. Politisch wirkten sie noch katastrophaler. Das Land war nun praktisch im permanentem Aufstand gegen die städtische Herrschaft der Bolschewiki. Lenin ordnete am 6. August 1918 an, daß jeder Bauer, der mit der Waffe in der Hand angetroffen wurde, sofort zu erschießen sei. Der deutsche »Mehrheitler« Noske hat einen solchen Befehl gegen die deutschen Arbeiter erst im März 1919 erteilt. Die Bolschewiki waren eben schneller.

Auch vorher schon hatten sich Lenin und Co. längst gewappnet. Im Dezember 1917 war die Tscheka gegründet worden. Anfangs nur als Ermittlungsbehörde gedacht, wurde sie sehr schnell zu einem mit unbeschränkten Vollmachten ausgestatteten Terrorinstrument der Bolschewiki. Ganz offiziell ließ Lenin (nach einem Attentat auf ihn) am 4. und 5.9.1918 die »Dekrete über den Roten Terror« verkünden, die Geiselnahmen und Massenerschießungen nicht nur erlaubten, sondern zur Pflicht machten.

Er hütete sich freilich, selbst zu unterschreiben. Rosa Luxemburg, in Deutschland im Gefängnis nur unzureichend informiert, schrieb: »Der Einfall von Radek, z. B. die Bourgeoisie abzuschlachten oder auch nur eine Drohung in diesem Sinn ist doch Idiotie summo grado; nur Kompromittierung des Sozialismus.«

Doch die Idiotie summo grado meldete sich zu Wort: »Wir dürfen nicht nur die Schuldigen hinrichten. Die Hinrichtung der Unschuldigen wird die Masse noch weit mehr beeindrucken,« meinte Krylenko, Steinbergs Nachfolger als Volkskommissar für die Justiz (und später berüchtigter Ankläger in Stalins Schauprozessen). Und die Idi­otie summo grado handelte: Die Tscheka verhaftete, sperrte ein, nahm Geiseln und tötete schließ­lich, wann und wen sie wollte.

50 000 bis 280 000 Menschen (nach unterschiedlichen Schätzungen) fielen bis 1920 allein dem Roten Terror zum Opfer. Doch dann waren die Weißen Armeen (die nicht weniger brutal vorgingen) im Herbst 1920 besiegt (und die Bourgeoisie auch physisch dezimiert). Es gab eigentlich niemand mehr, vor dem man sich hätte fürchten müssen. Lockerten die Bolschewiki nun ihr Regime? Führten sie die Rätedemokratie in den Betrieben, in der Armee, in den politischen Institutionen wieder ein? Wurde nun die Losung: »Alle Macht den Sowjets« Wirklichkeit? Lassen wir Trotzki sprechen: »Unsere Aufgabe ist die Beherrschung der Masse.« Lenin war hier kein Renegat. Die Bolschewiki dachten nicht daran, ihre autokratische Einparteienherrschaft aufzugeben.

Eine gewaltige Hungersnot kam auf Rußland zu und außer Bauernaufständen auch massive Streiks des Vorzeige-Proletariats in Moskau und Petrograd. Die Lage für die Bolschewiki wurde bedrohlich. Da sprang der Funke von Petrograd über auf die »Schönheit und den Stolz der Revolution« (Trotzki) — auf die Matrosen von Kronstadt.

Teil II