Selbstdarstellung


 

Die Kommune von Kronstadt
Von Klaus Gietinger

 

 

 

 

Teil III:

»Alle Macht den Sowjets«

 

 

 

 


Als der Delegierte der Freien Arbeiterunion Deutschlands (FAUD), der Anarchist Augustin Souchy, im Jahr 1920 auf Einladung Lenins nach Rußland fuhr, war er begierig, die Verwirklichung der Losung »Alle Macht den Sowjets« zu erleben. Der 28jährige wurde bitter enttäuscht: »Die Putilow-Werke waren, ähnlich wie in Deutschland die Krupp-Werke, die größte Waffenfabrik in Rußland. Als ich da hinging und mir das angesehen habe — die Arbeiterräte in den Putilow-Werken hatten überhaupt keine Rechte. Ihre Rechte bestanden darin, Lebensmittel zu verteilen, nach hygienischen Bedingungen zu sehen, daß das in Ordnung ist.«

Souchy sprach Sinowjew (erschossen 1936) darauf an. »Hören Sie mal, Sie sagen, Sie haben Räte hier, aber die Fabriken und die Betriebe werden ja nicht von den Räten geleitet, sondern von dem Ministerium.« Sinowjew entgegnete: »Aber das geht doch nicht, Genosse, das, was Sie da wollen, ist ja kleinbürgerlicher Pluralismus. Da hätten wir ja anstelle von etwa 1000 Aktienbesitzern, na sagen wir, 6000 Kleinbesitzer.« Nun, bei diesen 6000 verhinderten kleinbürgerlichen Kleinbesitzern der Putilow-Werke war Sinowjew schon damals der bestgehaßte Mann. Die restlichen Proletarier im ehemaligen St. Petersburg sahen es nicht anders. Dabei galten die Petrograder Arbeiter, wie die Kronstädter Matrosen, als die revolutionärsten Elemente Rußlands. Entweder sie hatten sich gewandelt oder aber Sinowjew. Einer von beiden Seiten mußte konterrevolutionär geworden sein. Sinowjew, selbst im Apparat als »Grammophonplatte Lenins« verschrien, wie der Spartakist Karl Retzlaw berichtete, sollte in den kommenden Ereignissen noch eine unrühmliche Rolle spielen.

Offiziell gab es keine Märkte mehr. Aber im Rußland des Kriegskommunismus blühte der Tauschhandel. Dies aber nicht aus böser Absicht, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. In Scharen machte die städtische Bevölkerung eine Landpartie, und zwar in ungeheizten Viehwaggons, dicht gedrängt, »Rucksack an Rucksack. Oft blieb der Zug auf der Strecke stehen, der Brennstoff war ausgegangen, die Reisenden stiegen aus und sammelten Holz«, berichtet die französische Anarchistin lda Mett, die eines der besten Bücher über den Kronstädter Aufstand geschrieben hat. Auf dem Land wurden dann Mangelwaren wie Salz, Zündhölzer, Schuhe oder Petroleum gegen Kartoffeln oder Mehl, das die Bauern vor den Requisitionstrupps versteckt hatten, getauscht. Der Schwarzmarkt rettete vor dem Verhungern. Im Sommer 1920, als der Bürgerkrieg praktisch beendet war, die Versorgung aber nicht besser wurde, verbot Sinowjew, auch den bis dahin geduldeten »Handel unter der Hand«.

Da der bolschewistische Staat trotz Ende der ausländischen Blockade sich aber nicht in der Lage sah, die Bevölkerung zu ernähren, nahm der Hunger stetig zu. Am 22. Januar 1921 kürzte die Regierung die mageren Rationen für die Großstädte um ein Drittel. Die Tagesration der Bevölkerung sank unter 700 Kalorien am Tag. Dies war hauptsächlich Folge der verfehlten Landwirtschaftspolitik, die nicht nur die Bauern zu Feinden der Bolschewiki hatte werden lassen, sondern auch die Spannungen zwischen Stadt und Land unablässig verschärfte. Starke Schneefälle und Treibstoffknappheit ließen darüber hinaus die Transportzüge aus Sibirien und dem nördlichen Kaukasus nicht durchkommen. Die Kaufhäuser in Moskau und Petrograd waren leer.

Vor allem Petrograd, weit entfernt von den großen Getreideanbaugebieten war stark betroffen davon. Aber auch die Betriebe bekamen keine Rohstoffe mehr. Anfang Februar mußten in Petrograd 60 Fabriken schließen. Der Reallohn eines Arbeiters dort hatte den Wert von 8,9 Prozent des Jahres 1913 erreicht. Stadtflucht setzte ein. Nur wer überhaupt keine Verbindung zum Land hatte, blieb: das echte Stadtproletariat.

Der Unmut der Arbeiter machte sich zuerst in Moskau breit. Es kam zu Demonstrationen. In Petrograd aber schwoll die Welle des Protestes noch stärker an. Am 23. Februar 1921, hielten die Arbeiter der Trubotschnij-Werke die ersten Fa­brikmeetings ab. Man beschloß zu streiken. Am 24. Februar kam es zu Straßendemonstrationen Die Menge wuchs auf 2000 Arbeiter an. Der Vor­sitzende der Petrograder Gewerkschaften Antse­lowitsch eilte ihnen entgegen und forderte sie auf, in ihre Betriebe zurückzukehren, doch im Nu flog er von seinem Auto und bezog Prügel. Der Streik griff nun auf die Baltisky-Werke, die Patronny-Munitionswerke, auf die Tabakfabrik Laferm, die Schuhfabrik Skorohhod und weitere Betriebe über.

Am gleichen Tag zeigte die Avantgarde der Arbeiterklasse, die Partei der Bolschewiki, was sie von ihren Proletariern hielt. Man gründete ein »Verteidigungskomitee« gegen sie. Wiederum am selben Tag proklamierte das Exekutivkomitee des

Petrograder Sowjets unter Vorsitz von Sinowjew, der sich gebärdete »wie ein morgenländischer Satrap« (Ida Mett), den Belagerungszustand: nächtliches Ausgehverbot, Verbot aller Versammlungen, Bestrafung nach Kriegsrecht. Die übliche Waffen der Bourgeoisie, der neuen Bourgeoisie.

Am 25. Februar beschimpfte der Petrograd Sowjet die, die er eigentlich vertreten sollte, sie arbeiteten den Weißen Garden in die Hände und hätten die Judenitschs, die Koltschaks, Denikins und Wrangels vergessen (alles weißgardistische Generäle des Bürgerkriegs). Eine Unverschämtheit sondersgleichen, wenn man bedenkt, das dies eben jenen Proletariern vorgeworfen wurde, die die Stadt im Oktober 1919 gegen die Einnahme durch Judenitschs Truppen verteidigt hatten.

Doch es kam noch besser. Laschewitsch, Mitglied des »Verteidigungskomitees« (er nahm sich später selbst das Leben) verpaßte den Arbeitern, in Projektion des eigenen Standpunkts, den Titel »Gegenrevolutionäre.« Als Rädelsführer macht er die Trubotschnij-Arbeiter dingfest und empfahl, als hieße er Krupp oder Thyssen, die Aussperrung. Dies bedeutete aber für die Betroffenen automatisch Streichung ihrer Lebensmittelrationen.

Der Petrograder »Sowjet« nahm den Vorschlag an. Solcherhand Feingefühl der Partei neuen Typs blieb nicht ohne Wirkung: Was als »Hungerrevolte« begann, lud sich nun sehr schnell mit politischen Parolen auf. Am 27. Februar konnte man an den Mauern der Stadt folgende Forderungen der Streikenden lesen: »Eine vollständige Änderung der Regierungspolitik ist notwendig. Zuallererst brauchen die Arbeiter und Bauern Freiheit. Sie wollen nicht nach den Dekreten der Bolschewiki leben, sie wollen selbst über sich verfügen. Genossen, bewahrt revolutionäre Ordnung! (...) Freilassung aller verhafteten Sozialisten und parteilosen Arbeiter. Abschaffung des Kriegsrechts; Rede-, Preß- und Versammlungsfreiheit für alle Arbeitenden. Freie Wahl von Werkstatt- und Fabrikkomitees (sawkomi) und von Arbeitergesellschafts- und Sowjetvertretern.«

Die Partei der Arbeiterklasse antwortete mit Verhaftungen und weiteren Verboten. Große Mengen Militär aus der Provinz wurden in der Stadt konzentriert, als schwankend angesehene Verbände entwaffnet oder in die Kasernen verbannt und ihnen die Stiefel abgenommen. Kommunistische Milchgesichter aus den Kadettenanstalten (kursanti) zerstreuten die Demonstranten. Dies ließ Teile der Arbeiter unter »bürgerlichen« Einfluß geraten. »Reaktionäre Schlagwörter machten sich hörbar,« schreibt der amerikanische Anarchist Alexander Berkman, der sich mit seiner Lebensgefährtin Emma Goldmann in einem Petrograder Hotel befand. »Nieder mit der Sowjetregierung! Es lebe die Konstituierende Versammlung!« forderten »sozialistische Arbeiter des Newsksy-Distrikts.« Wenn dies auch nicht Forderung der Mehrheit war, so ist daran interessant, daß später in Kronstadt solche Stimmen nicht laut wurden. Am 28. Februar erreichte die Streikwelle die Putilow-Werke (1917 Zentrum der Revolution, wie es in Pudowkins Spielfilm »Das Ende von St. Petersburg« nachdrücklich geschildert ist).

Die Ereignisse in Petrograd blieben nicht ohne Wirkung auf die Matrosen im 20 Kilometer entfernten Kronstadt. Am 26. Februrar versammelten sich die Mannschaften der Schlachtschiffe »Petropawlowsk« und »Sewastopol«, die eingefroren im Eis des Kronstädter Hafens lagen. Man beschloß, eine Delegation in die ehemalige Hauptstadt zu schicken. Sie sollte die Lage erkunden. Zwei Tage später kamen die Männer zurück und berichteten schlimme Dinge. Petrograd war zu einem Heerlager geworden, die Fabriken von Truppen und Militärkadetten umstellt. Erneut versammelten sich die Matrosen auf den Stahlkolossen und verabschiedeten eine Resolution, deren Sprengkraft die der beiden Schlachtschiffe bei weitem überstieg.

Da es sich um das Herzstück des politischen Programms der Kronstädter handelt, ist die Resolution hier zum Großteil wiedergegeben. Man forderte:

1. Angesichts der Tatsache, daß die gegenwärtigen Sowjets den Willen der Arbeiter und Bauern nicht ausdrücken, sofort neue Wahlen mit geheimer Abstimmung abzuhalten (...)
2. Rede- und Preßfreiheit einzuführen für Arbeiter und Bauern, Anarchisten und linksstehende sozialistische Parteien.

3. Versammlungsfreiheit für Arbeitergesellschaften und Bauernorganisationen zu sichern.
4. Eine parteilose Konferenz der Arbeiter, Soldaten der Roten Armee und Matrosen von Petrograd, Kronstadt und der Petrograder Provinz für nicht später als den 10. März 1921 einzuberufen.

5. Alle politischen Gefangenen der sozialistischen Parteien und alle in Verbindung mit Arbeiter- und Bauernbewegungen eingesperrten Arbeiter, Bauern, Soldaten und Matrosen zu befreien.

6. Eine Kommission zu wählen zur Revision der Fälle der in Gefängnissen und Konzentrationslagern Befindlichen. (So die wörtliche Übersetzung von Alexander Berkman aus dem Jahr 1923. Trotzki hatte erstmals im Mai 1918 von »Konzentrationslagern« gesprochen. Der Begriff stammt ursprünglich aus den Kolonialkriegen Ende des 19. Jahrhunderts. Unter dem preußischen Innenminister Severing (SPD) wurden übrigens im Jahr 1921 kurzfristig Konzentrationslager in Deutschland für Osteinwanderer eingeführt. —KG.)

7. Alle kommunistischen Parteizellen (zur Überwachung und Propaganda — K.G.) abzuschaffen (...) An deren Stelle sollten erzieherische und kulturelle Kommissionen errichtet werden, lokal gewählt und von der Regierung finanziert.

8. Sofort alle Kontrollabteilungen abzuschaffen (gemeint sind die Straßenblockaden zur Konfiszierung von getauschten Lebensmitteln — K.G.).

9. Die Rationen aller Arbeitenden gleichzumachen, mit Ausnahme der in gesundheitsschädlichen Beschäftigungen Tätigen.

10. Die kommunistischen Kampfabteilungen (...) abzuschaffen.

11. Den Bauern volle Aktionsfähigkeit in bezug auf ihr Land zu geben, ebenso das Recht, Vieh zu halten, unter der Bedingung, daß sie mit ihren eigenen Mitteln auskommen, d.h. sich keiner Lohnarbeit bedienen.

12. Alle Zweige der Armee und unsere Kameraden, die Kadetten (kursanti) zu ersuchen, unseren Beschlüssen beizutreten.
13. Zu verlangen, daß die Presse unsere Beschlüs­se im vollstem Umfang an die Öffentlichkeit bringt.

14. Ein mobiles Kontrollbüro einzusetzen.

15. Freie handwerkliche Produktion auf der Basis eigener Hände (d.h. ohne Lohnarbeit — K.G.).
Diese berühmte, sogenannte Petropawlowsk-Resolution widerspiegelt nicht nur den politischen Willen der Baltischen Flotte, sondern der werktätigen Massen in Stadt und Land. Sie bringt deren Nöte auf den Punkt und ist ein Indikator dafür, wie weit sich Lenin und seine Partei von deren Willen entfernt hatten. Die Resolution war (obwohl die Frage der Arbeiterkontrolle in den Betrieben gar nicht angesprochen wurde) eine Breitseite gegen den preußisch-bolschewistischen Kriegskommunismus. Denn schon der erste Punkt kam einem Stoß ins Zentrum der autokratischen Herrschaft der RKP gleich, auch wenn er nur die Verwirklichung der Losung der Oktoberrevolution »Alle Macht den Sowjets« verfolgte. Die Bolschewiki konnten sich dies aus der Position, in die sie sich selbst manövriert hatten, nämlich der einer Einparteien-Diktatur statt einer Diktatur der Werktätigen, nicht gefallen lassen. Dies erklärt, warum sie so prompt und hysterisch reagierten.

Doch zurück zum weiteren Ablauf. Am nächsten Tag, dem 1. März 1921 gab es eine Versammlung auf dem Ankerplatz. Etwa 15000 Matrosen, Soldaten und Arbeiter erschienen (Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Kronstadts). Und es kamen zwei hochrangige bolschewistische Funktionäre: Der Präsident der Russischen Sozialistischen Föderativrepublik M. I. Kalinin (ausnahmsweise eines natürlichen Todes gestorben) und der Kommissar der Baltischen Flotte N. N. Kusmin (verschwunden 1938).

Die beiden waren zusammen mit Sinowjew zur Beruhigung der Lage nach Kronstadt geschickt worden. Doch letzterer hatte bereits in Oranienbaum kehrtgemacht und das Hasenpanier ergriffen. Die »Grammophonplatte Lenins« fürchtete offensichtlich, in Kronstadt ein paar Kratzer abzubekommen. Eine erst mal unbegründete Angst. Denn Kalinin und Kusmin wurden mit militärischen Ehren empfangen. Der Vorsitzende des Kronstädter Sowjets, der Bolschewik Wassiljew, eröffnete die Versammlung. Zuerst berichtete die nach Petrograd geschickte Matrosendelegation. Dann wurde die Petropawlowsk-Resolution verlesen. Kalinin, früher Fabrikarbeiter und Bauernsohn aus der Provinz Twer, ein Mann, dem man Verständnis für die Nöte der Massen nachsagte, erhob sich und sprach.

Doch er verwarf die Resolution als Ganzes. So kam es, daß er schon nach wenigen Worten von Zwischenrufen unterbrochen wurde. »Schau auf deine Pöstchen, die du alle bekommen hast, ich wette, sie bringen dir eine Menge ein!« oder »Wir wissen selber, was wir brauchen. Und du alter Mann, kehr‘ zurück zu deiner Frau.« Sehr bald ging Kalinins Stimme in einem Pfeifkonzert unter.

Kusmin erging es nicht besser. Obwohl er die Matrosen an ihre heroischen Taten im Bürgerkrieg zu erinnern suchte, biß er damit auf Granit. »Hast du vergessen, wie du jeden zehnten an der nördlichen Front hast erschießen lassen?« Ein Ausruf, der sich wohl auf »Disziplinarmaßnahmen« während des Bürgerkriegs bezog. Kusmin legte nun wieder typisch bolschewistisches Feingefühl an den Tag und antwortete: »Die Arbeiterklasse hat schon immer Verräter unserer Sache erschossen, und sie wird es auch in Zukunft tun. Meiner Ansicht nach sollte jeder fünfte von euch erschossen werden und nicht jeder zehnte.«

Das wären dann 3000 gewesen. Die Versammlung tobte. Es dauerte Minuten, bis Kusmin fortfahren konnte. Doch der wurde nicht klüger. Er schrie: »Die Petropawlowsk-Resolution ist konterrevolutionär. Disziplinlosigkeit und Verrat werden von der eisernen Hand des Proletariats zerschlagen.« Lynchte das Proletariat Kusmin dafür oder verprügelte es ihn? Nicht die Spur. Die beiden blieben ungeschoren. Aber sie schwiegen fortan.

Die Versammlung ging nun in den »Besitz« der Matrosen und Arbeiter über. Man zählte nochmals die Verantwortung der Bolschewiki für die wirtschaftliche Lage, die blutigen Requisitionstrupps und vor allem die Tatsache auf, daß sechs Monate nach Beendigung des Bürgerkriegs keine Lockerung der Herrschaft in Sicht war. Schließlich wurden freie Wahlen der Sowjets im ganzen Land fordert! Gegen drei Gegenstimmen (Wassiljew, Kusmin und Kalinin) nahmen die 15 000 die Petropawlowsk-Resolution an. Kusmin und Kalinin verließen die Versammlung ungeschoren. Kalinin gar reiste unbehelligt nach Petrograd zurück.

Am 2. März fand eine Konferenz im Haus Erziehung zur Neuwahl des Kronstädter Sowjets statt. 300 Delegierte, zwei von jedem Schiff, jeder Einheit. Fabrik und Gewerkschaft, waren dazu in der Nacht vorher gewählt worden. Viele Kommunisten befanden sich unter ihnen. Stefan Maximowitsch Petritschenkow, ein Schiffsmaat der »Petropawlowsk«, vormals Klempner und Bauernsohn aus der Ukraine, einer der zentralen Figuren des Aufstands, hatte den Vorsitz. Ein fünfköpfiges Präsidium wurde gewählt. Der Anarchist Alexander Berkman, in den USA wegen eines Attentats auf den Kohlenmagnaten Frick zu 22 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er 14 abgesessen hatte, berichtet: »Der Geist der Konferenz war durchaus sowjetisch: Kronstadt verlangte Sowjets, die von der Einmischung einer politischen Partei frei waren. (...) Die Haltung der Delegierten war feindlich gegen die willkürliche Herrschaft bürokratischer Kommissare, aber freundlich gegenüber der Kommunistischen Partei als solcher.«

Erneut meldete sich Kusmin zu Wort und griff die Versammlung an. Seine von Anmaßung und Unverschämtheit strotzende Rede endete mit einer pathetischen Geste. »Ich bin eurer Gnade ausgeliefert, ihr könnt mich sogar erschießen, wenn ihr wollt. Aber wenn ihr es wagt, die Hand gegen die Regierung zu erheben, werden die Bolschewiki euch bis zum Äußersten bekämpfen.« Ein zaristischer General hätte wahrscheinlich nichts anderes gesagt (nur »Bolschewiki« durch den »Zaren« ersetzt).

Das Maß war nun voll, Kusmin und Wassiljew (ausdrücklich aber nicht die anderen anwesenden Kommunisten) wurden unter Arrest gestellt. In diesem Augenblick verbreitete sich das Gerücht, die Bolschewiki würden mit 15 Lastwagenladungen Soldaten gegen die Versammlung vorgehen. In aller Eile wurde ein Provisorisches Revolutionäres Komitee gegründet. Die größte Revolte, der die bolschewistische Herrschaft je ausgesetzt war, hatte begonnen. Und sie kam von links.

Teil IV