Selbstdarstellung


 

Die Kommune von Kronstadt
Von Klaus Gietinger

 

 

 

 

Teil IV:

Aus dem Reich der Freiheit

 

 

 

 

 

 


Die kommunistische Partei, die das Land regiert, hat die Verbindung zu den Massen verloren und sich als unfähig erwiesen, das Land aus dem Zustand allgemeiner Zerrüttung herauf auszuführen. Sie hat den Unruhen. die in letzter Zeit in Petrograd und Moskau ausbrachen (...) nicht Rechnung getragen. Auch die Forderungen, die die Arbeiter erhoben, hat sie nicht berücksichtigt. Sie hält alles das für Umtriebe der Konterrevolution. Doch sie irrt sich gewaltig.« Mit diesen Worten beginnt der Leitartikel der Mitteilungen des Provisorischen Revolutionskomitees der Matrosen, Rotarmisten und Arbeiter der Stadt Kronstadt Nr. 1 vom 3. März 1921 (Kronstädter Iswestija).

Am Tag zuvor war dieses Komitee (in der Hauptsache altgediente Matrosen und Arbeiter) gewählt worden. Unter seiner Führung bewaffneten sich alle Werktätigen und besetzten die strategischen Punkte der Stadt, der Festung und die Druckerei der Jswestija. Auf den Schiffen wurden Troikas gewählt, die freie Wahl der Sowjets vor­bereitet. Kronstadt war wie neu geboren. Der Geist des Oktober 1917 durchwehte die Stadt. Eu­phorie erfaßte die Menschen.

»Zu neuem rechtschaffenen sozialistischen Aufbau zum Wohl aller Werktätigen«, verkündete die Iswestija. »Alle Macht den Sowjets und nicht den Parteien« war der Wahlspruch der Kronstädter (falsch ist: »Alle Macht den Sowjets und nicht den Bolschewiki«, wie immer wieder behauptet wird). Tatsächlich breitete sich die Bewegung aus. Die Fliegerdivision von Oranienbaum auf dem Festland schloß sich sofort den Kronstädtern an. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die Werktätigen Petrograds vom revolutionären Feuer Kronstadts erfaßt würden. Man hatte deshalb noch einmal eine 30köpflge Delegation in die Stadt an der Newa geschickt. Auf ihre Rückkehr warteten die Kronstädter vergeblich, sie wurde nie mehr gesehen. Ähnlich erging es 200 Matrosen, die als Boten die Petropawlowsk­Resolution in alle Städte der Provinz Petrograd tragen sollten, sie wurden abgefangen.

Denn am 2. März ergriffen die Bolschewiki schärfste Gegenmaßnahmen. Lenin und Trotzki verloren keine Zeit. Die ganze Provinz kam unter verschärftes Kriegsrecht. Ein verleumderischer Befehl verkündete, die Matrosen seien »Werkzeuge früherer zaristischer Generäle« und der rechten »Sozialrevolutionäre«, »Produkt von Interventionisten der Entente und französischer Spione.« Angeführt würden die Kronstädter von dem zaristischen General Koslowsky. »Dieser und drei seiner Offiziere, deren Namen noch nicht festgestellt wurden, übernahmen offen die Rolle einer Rebellion.«

Der arme Koslowsky, den Trotzki, entsprechend der üblichen Politik in der Roten Armee seit der Abschaffung des Kommuneprinzips, als militärischen Berater in Kronstadt eingesetzt hatte, ein Mann, der nichts mit der Rebellion zu tun hatte, wurde exkommuniziert und für »außerhalb des Gesetzes stehend« erklärt.

Der Befehl gibt die totale Verlegenheit wider, mit der die Bolschewiki dem Problem »in ohnmächtiger Wut, hilflos und verwirrt« (Kronstädter Iswesttja Nr. 5) gegenüberstanden. Wie sollten sie aber auch auf Leute reagieren, die die Parolen des Oktober ernst nahmen? Eine ganze Stadt als unter »linker Kinderei« leidend zu stigmatisieren, wäre bestimmt nicht so wirksam gewesen. Da griff man schon lieber zur Lüge von den »Weißgardisten«.

Und wie reagierten die Kronstädter auf diese »provokatorischen Gerüchte«? Die »Mitteilung rief allgemeines Gelächter unter den Matrosen und Arbeitern der Versammlung hervor. In noch heiterere Stimmung geriet die Versammlung, als

das vom Flugzeug über Kronstadt abgeworfene >Kommunistische Manifest< verlesen wurde. >Bei uns gibt es nur einen General, den Kommissar der Ostseeflotte Kusmin, und der ist verhaftet worden< — erschallte es aus den hinteren Reihen.« (Kronstädter Iswestija Nr. 3)

Doch mit den Bolschewiken war nicht zu spaßen. Das Petrograder »Verteidigungskomitee« stellte den Inselbewohnern ein Ultimatum. Wie immer nicht zimperlich, kam Genosse Sinowjew darin zur Sache: »Wenn ihr nicht nachgebt, wird man euch der Reihe nach wie Rebhühner abschießen.« Spricht auch manche Übersetzung von »Enten« oder gar »Hasen«, so ändert sich nichts am perfiden Inhalt. Noch 1981 bemühten sich deshalb Trotzkisten, in einem Buch ihren bewaffneten Propheten vom Makel dieses Satzes zu befreien. Nein, Trotzki hat ihn nicht gesagt. Er hat ihn in die Tat umgesetzt.

Wie aber entwickelte sich die Lage in Petrograd? Am 4. März wurden alle Verwandten von Kronstädter Matrosen, derer man in Petrograd habhaft werden konnte, in Sippenhaft genommen (eine von Trotzki im September 1918 entwickelte Methode, die er, wie sollte es anders sein, den Preußen abgeguckt hatte). Frauen, Alte und Kinder wanderten als Faustpfand für die arretierten Kusmin und Wassilijew in die Kerker. Wenn ihnen »auch nur ein Haar gekrümmt wird, werden diese Geiseln dafür ihren Kopf hinhalten«, beschrieb das »Verteidigungskomitee« seinen Kampf für das Menschenrecht.

Wie reagierten die Kronstädter? Mit einer Radiobotschaft: »Die Garnison von Kronstadt betont, daß in Kronstadt die Kommunisten die volle Freiheit genießen und daß ihre Familien absolut unangestastet bleiben; sie weigert sich, dem Beispiel des Petrograder Sowjet zu folgen, denn sie betrachtet eine solche Handlungsweise, selbst wenn sie vom Haß diktiert ist, als unendlich niedrig und verwerflich. Solche Methoden hat die Geschichte noch nicht gesehen.« (Kronstädter Iswestija Nr. 5)

Tatsächlich gab es in Kronstadt keinerlei Terror, niemand wurde hingerichtet. Die Matrosen versuchten, jedes Blutvergießen zu vermeiden, und dachten, ihre »gerechte Sache« würde sich durchsetzen, sei ein Fanal für ganz Rußland. Sie verstanden sich als Avantgarde der »Dritten Revolution« (der Ausdruck taucht zum ersten Mal am 8. März auf), des wirklichen Sozialismus, die quasi naturnotwendig alle Werktätigen (Arbeiter, Bauern, Soldaten) Rußlands erfassen würden. Sie sahen nicht, daß sie sehr bald isoliert waren und es auch blieben.

Denn Sinowjew fing an, seinen Verstand zu gebrauchen. Er wußte, er würde Kronstadt nur in seine Hände kriegen, wenn sich die Lage in Petrograd beruhigte. Also benutzte er statt der Peitsche auch mal das Zuckerbrot. Die Straßenblockaden gegen den Schwarzhandel wurden für den Bezirk Petrograd aufgehoben (eine Forderung der Kronstädter), für mehrere Millionen Rubel Lebensmittel im Ausland gekauft und nach Petrograd geschafft. Sogar Schokolade, für Rußland schon immer ein absoluter Luxus, war dabei.

Und diesmal lagen die Kronstädter mit ihrer Einschätzung falsch: »Aber wir wissen, daß man mit diesen Almosen das Petrograder Proletariat nicht kaufen kann.« (Kronstädter Iswestija Nr.4) Eben doch. Der gezielte Einsatz von Repression, Zugeständnis und Lügenpropaganda beruhigte die Lage, auch wenn in so mancher Petrograder Fabrik die Kronstädter Jswestija an der Wand hing, ja sogar ein LKW durch die Straßen fuhr, der Kronstädter Flugbätter abwarf. Die Strategie der Bolschewiki verwirrte die Arbeiter. Mit einer weißgardistischen Verschwörung, bezahlt von französischen Agenten, wollte man nun doch nichts zu tun haben. »Die Kommunisten haben sich die alte Taktik der Jesuiten >Verleumdet, verleumdet, es bleibt ja vielleicht doch hängen< vor­züglich angeeignet«, konstatierten die Rebellen (Rosa Luxemburg hatte schon zehn Jahre zuvor Trotzki ähnliches nachgesagt). Gleichzeitig wurden die Betriebsleitungen ausgetauscht, die Arbeiter entlassen und dann wurde sofort mit Neueinstellungen begonnen. Allerdings blieben jene, die am aktivsten am Streik beteiligt waren, arbeitslos.

Die Bolschewiki hatten ihr erstes Etappenziel erreicht. Das Proletariat von Petrograd reichte den Rebellen auf der Insel Kotlin nicht die Hand, es ging murrend zwar, aber mit etwas Essbarem im Bauch und dem unbestimmten Gefühl, daß es sich vielleicht doch nicht um zaristische Generäle handelte, die in Kronstadt revoltierten, wieder zur Arbeit.

Äußerst bewegt von den Ereignissen und im Angesicht des drohenden Blutbades schrieben Emma Goldman, Alexander Berkmann u. a. am 5. März aus ihrem Petrograder Hotel an Sinowjew einen Brief: »Jetzt zu schweigen ist unmöglich, sogar verbrecherisch. Die jüngsten Ereignisse zwingen uns Anarchisten zu reden. (...) Der Gebrauch von Gewalt durch die Arbeiter- und Bauernregierung gegen Arbeiter und Matrosen wird eine reaktionäre Wirkung auf die internationale revolutionäre Bewegung ausüben und wird überall der sozialen Revolution unberechenbaren Schaden zufügen. Genossen Bolschewiken, überlegt wohl, bevor es zu spät ist! Spielt nicht mit dem Feuer.«

Dann machten Goldman/Bergmann Vermittlungsvorschläge. Doch sie bekamen keine Antwort. Aber plötzlich gelangte, inmitten der Vernichtungsdrohungen, ein moderates Angebot nach Kronstadt: »Meldet nach Petrograd, ob einige Leute aus dem Sowjet — Parteilose und Parteimitglieder von Petrograd aus nach Kronstadt geschickt werden können, um sich zu informieren, um was es geht.«

Wurden die Bolschewiki nun selbst wankend? Gab es Meinungsverschiedenheiten? Oder war das Angebot nur ein Trick? Letzteres ist am wahrscheinlichsten. Denn als die Kronstädter umgehend zurückfunkten: »Der Parteilosigkeit eurer Parteilosen trauen wir nicht. Wir schlagen vor, daß aus den Betrieben und aus den Kreisen der Rotarmisten und Matrosen Vertreter der Parteilosen in Anwesenheit unserer Delegierten gewählt werden. Außerdem könnt ihr noch 15 Prozent Kommunisten schicken«, bekamen sie keine Antwort mehr.

Vielleicht lag das auch daran, daß die Kronstädter Delegierten längst auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren. Jedenfalls hatte die Rote Armee sich zur gleichen Zeit schon in Bewegung gesetzt. Zuerst liquidierte man den »Außenstützpunkt« Kronstadts. Auf mehreren Panzerzügen dampften Trotzkis Kadetten nach Oranienbaum. Es wurde kurzer Prozeß gemacht. 45 Sowjetpiloten inklusive des dortigen Provisorischen Revolutionskomitees und des Chefs der Division der Roten Marineflieger kamen an die Wand. Maschinengewehrfeuer gellte über die Bucht.

Kronstadt war plötzlich allein. Und die Matrosen begingen militärtaktische Fehler. Anstatt sich des strategisch wichtigen Oranienbaum erneut zu bemächtigen, anstatt das Eis um die Insel mit ihrer Artillerie aufzureißen und somit einen Infanterieansturm auf die Festung unmöglich zu machen, vertrauten sie auf die moralische Kraft ihrer Rebellion. Sie glaubten, sie brauchten nur sogenannte Radiobotschaften (per Morsezeichen) zu verbreiten, um die Werktätigen aller Länder und vor allem Rußlands für eine neue Revolution zu gewinnen. Doch die Werktätigen Rußlands besaßen keine Morseapparate. Die waren in den Händen der Partei der Bolschewiki, und die gab die Nachrichten selbstredend nicht weiter.

Kronstadt war isoliert, eingefroren wie die Schlachtschiffe im Hafen, die deswegen ihre Feu­erkraft nicht nutzen konnten und festbetoniert, wie die vielen Artillerieforts um die Insel, deren Kanonen nur nach Westen und Norden schießen konnten, dort wo man potentielle Feinde erwartete. Mit Nachdruck versuchte eine Gruppe Kronstädter Matrosen, die Besatzung des Eisbrechers Truwor im Petrograder Hafen für ihre Sache zu gewinnen. Doch bevor sie auslaufen konnten, wurden sie von Sinowjews Truppen umstellt und verhaftet. Die einzige Hoffnung war nun, daß das Eis schmolz. Dann wären einerseits die hochmoderne Baltische Flotte im Kronstädter Hafen und die Festung selbst fast unschlagbar gewesen, andrerseits hätten die Matrosen eine ungeheure Mobilität erlangt, um ihre Ideen zu verbreiten. Doch der Frühling kam nicht, dafür die Rote Armee.

Am 7. März 1921 eröffneten die Batterien von Krasnaja Gorka und Lisij Nos das Feuer auf Kronstadt. Flugzeuge warfen Bomben ab. Wütend schossen die Rebellen zurück. Dann führte der ehemalige zaristische Offizier und 28jährige Heißsporn Michail Tuchatschewski (erschossen 1937) die rasch zusammengestellten Einheiten. darunter auch Kadetten und Tscheka-Leute der Festung entgegen, bzw. er versuchte es.

Denn die Truppen waren kaum zu bewegen. das Eis, über das ein starker Schneesturm fegte. zu betreten und gegen ihre »Brüder«, die »baltischki«, wie sie im Volksmund hießen, zu kämpfen. Nach langen Diskussionen und unter Androhung empfindlicher Strafen griffen die mit Schneehemden ausgestatteten Soldaten von mehreren Seiten an.

Doch die Rebellen waren im Vorteil. Sie feuerten aus allen Rohren ihrer Geschütze und Maschinengewehre. Die Granaten rissen mächtige Löcher ins Eis, die zum Massengrab vieler Rotarmisten wurden. Eine gespenstische Szenerie, nicht unähnlich der Schlacht auf dem Eis, wie sie Sergej Eisenstein 1938 in seinem Film »Alexander Newski« inszenierte. Die Soldaten begannen zu meutern. Scharenweise liefen sie zu den Kronstädtern über und kämpften mit ihnen statt gegen sie. »Die Offiziere kehrten allein zurück«, heißt es lapidar im offiziellen Heeresbericht der Roten Armee. Mehrere Regimenter mußten gewaltsam entwaffnet werden. »Revolutionäre« Tribunale verhängten drastische Strafen. Augenzeugen berichteten, daß einige Verbände schon beim Vorrücken die Hälfte ihrer Männer verloren, noch bevor sie in feindliches Schußfeld gerieten: Die Tscheka-Einheiten hatten sie wegen Befehlsverweigerung oder Desertation erschossen. Doch auch die Maschinengewehre im Rücken der Rotgardisten nutzten nichts. »Es ist unmöglich, die Armee einen zweiten Angriff auf die Bastion ausführen zu lassen«, berichtete Ouglanow, Kommissar für den Nordabschnitt. Selbst die sonstigen Musterkommunisten, die Kadetten, »wollen die Absichten der Kronstädter kennenlernen und beabsichtigen, Delegierte in die Stadt zu schicken«.

Der erste Angriff war ein alptraumhaftes Desaster für die Rote Armee. Hunderte von Tote schwammen im eisigen Wasser, 2000 Verwundete schickten ihre Schmerzensschreie über die eisige Bucht. Das Glück schien auf der Seite der Rebellen. Erneut glaubten sie, nun würden die Werktätigen Rußlands sich auf ihre Seite schlagen. Euphorisch morsten sie am 8. März: »Heute ist ein Weltfeiertag — der Tag der Arbeiterinnen. Inmitten des Kanonendonners, inmitten explodierender Granaten, die die Feinde des werktätigen Volkes, die Kommunisten, gegen uns schleudern, entbieten wir Kronstädter euch, Arbeiterinnen der ganzen Welt, unseren brüderlichen Gruß. Wir grüßen euch aus dem aufständischen roten Kronstadt, aus dem Reich der Freiheit. Mögen unsere Feinde versuchen, uns zu vernichten. Wir sind stark, wir sind unbesiegbar. Wir wünschen euch, ­daß ihr möglichst bald die Befreiung von jeder Form der Unterdrückung und Gewalt erringen möget. Es leben die freien, revolutionären Arbeiterinnen! Es lebe die soziale Weltrevolution!«

Teil V