Selbstdarstellung


 

Die Kommune von Kronstadt
Von Klaus Gietinger

 

 

 

 

Teil V

Und was sagt Lenin?

 

 

 

 

 

 

LeninWie uns aus Wien telegraphiert wird, hat die Entente durch einen antibolschewistischen General einen Aufstand anzetteln lassen,« meldet Die Rote Fahne vom 5. März 1921 lapidar den Ausbruch der Kronstädter Rebellion. Obwohl an dieser Meldung so ziemlich alles falsch ist, war es wiederum die Rote Fahne, die vier Tage später ein nationalistisches Brikett nachlegte: »Es handelt sich diesmal um das Vorspiel (!) eines wohlorganisierten Angriffes, der sich von den früheren dadurch unterscheidet, daß seine Erfinder ihn gleichzeitig nach zwei Fronten zu führen gedenken: gegen die Macht der Arbeiter und Bauern (!) in Rußland, um sie zu stürzen, und gegen Deutschland, um es ein für allemal zu isolieren.« Einerseits werden also die von den Bolschewiki verbreiteten Märchen kritiklos übernommen, andererseits fühlt sich der Autor dank unaufgeforderter Befragung des Urgrundes seiner deutschen Seele auch noch von fremden Mächten umringt. Gnadenloser konnte die KPD ihren desolaten Zustand am Vorabend der von Grigorij Sinowjew initiierten katastrophalen Märzaktion nicht demonstrieren.

Und wie sahen die Kollegen von der SPD die Ereignisse in Kronstadt? Nun, anfänglich war man den Aufständischen durchaus gewogen. Die Mehrheitsozialdemokraten nahmen nämlich an, die Kronstädter befürworteten ein bürgerliches Parlament. Doch der Vorfreude der SPD, die Matrosen würden in den Tanz ums allein seligmachende Goldene Kalb einschwenken, folgte bittere Enttäuschung: Kronstadt entsagte dem Parlamentarismus. Fortan vergaß der Vorwärts die Angelegenheit einfach, nicht ohne — in seltener Einmut mit den Bolschewiki — davor zu warnen, daß »die schwarzen Schakale (!) über Rußland herfallen und das Ruder ins andere Extrem drehen werden.« (Vorwärts, 13.3.1921)

Einzig die USPD-Zeitung Freiheit bemühte sich (nach anfänglicher Tendenz, die bolschewistische Haltung zu übernehmen), aus dem Wust an Desinformation und Spekulation die Wahrheit herauszufiltern. Während die Arbeiter-Zeitung in Wien die Ente vom »General Koslowsky, der scheinbar an der Spitze steht«. übernahm, wußte die Freiheit schon bald, daß der »General Koslowski und die übrigen Offiziere (...) keineswegs als Führer der Bewegung hervorgetreten« waren.

Die 1920 in Deutschland und Holland entstandenen ultralinken Kommunistischen Arbeiter-Parteien wiederum brauchten Jahre, um Kron­stadt richtig zu begreifen: Erst war es die Wühlarbeit des Ententekapitals, das unter scheinsozialistischen Parolen einen neue Vorstoß gewagt ha­be, dann wußte man, daß der Aufstand »in seiner ersten Phase dem Wesen einer 3. Revolution gleichartig war« (die KAP wollte eine solche Revolution!), dann verschwanden Monate später die Begriffe »konterrevolutionär« bzw. »anarchistisch«, um schließlich 1947, in der Auseinandersetzung mit den Trotzkisten, der Erkennnis zü weichen, daß die Kronstädter »die Macht der Arbeiterräte gegenüber dem Staat vergrößern« wollten.

Die Trotzkisten wußten dagegen 1938 ganz genau, wer in Kronstadt am Werke gewesen war, nämlich »die sozialen Kräfte«, die ihren »triumphierenden Ausdruck im Sieg des Stalinismus« gefunden hätten. Die Stalinisten sahen das umgekehrt: Kronstadt wurde den Trotzkisten in die Schuhe geschoben. Und der inzwischen unbewaffnete Prophet selbst? Er bemängelte vor allem, daß seine 1917er Hätschelkinder 1921 »einen großen Prozentsatz völlig demoralisierter Elemente umfaßten, die protzig glockenförmige Hosen trugen und das Haar nach der letzten Mode frisiert hatten« (Trotzki, 1938).

Wie ist das Programm der Kronstädter aber nun tatsächlich zu sehen, und wie verhält es sich zum Programm der im Oktober 1917 weitgefächerten Linken Rußlands?

Zentral ist die Forderung nach freien Sowjets, deren Kandidaten nicht von vorneherein, wie längst üblich, durch die RKP bestimmt werden sollten (Punkt 1 der Petropawlowsk-Resolution). Aber als der rechte Sozialrevolutionär und »Vorsitzende der konstituierenden Versammlung«, Viktor Tschernow, von Reval aus seine Hilfe anbot, winkten die Kronstädter dankend ab. Klar und deutlich heißt es am 8. März 1921: »Die Arbeiter und Bauern schreiten unaufhaltsam voran, sie lassen die Konstituante mit ihrer bürgerlichen Ordnung ebenso hinter sich wie die Diktatur der kommunistischen Partei mit ihrer Tscheka und ihrem Staatskapitalismus.« (Kronstädter Jswesti­ja, Nr. 6)

Wie die Anarchisten wenden sie sich gegen den Staatssozialismus: »Nachden sie die Produktion unter der >Arbeiterkontrolle< hatten verfallen lassen, führten die Bolschewiki die Nationalisierung der Betriebe und Fabriken durch. Aus einem Sklaven des Kapitalisten wurde der Arbeiter nun zu einem Sklaven der Staatsbetriebe.« (Kronstädter Iswestija, Nr. 14) Das vom Kapitalismus übernommene »Antreibersystem, das Taylor-System«, (Ebenda) wird von den Kronstädtern ebenso angegriffen wie von den linken Kommunisten (z. B. Ossinskij) und der Arbeiteropposition (Schlapnikow/Kollontai).

Mit den Linken Sozialrevolutionären sind sich die Kronstädter einig im Anprangern der katastrophalen Landwirtschaftspolitik: »Als Gegenleistung für das Brot, das fast vollständig requiriert wurde, und die weggenommenen Kühe und Pferde gab es Razzien der Tschekisten und Erschießungen. Ein schöner Warentausch in einem Arbeiterstaat: für Brot Blei und Bajonette.« (Ebenda)

Ja, sie entlarvten gar die zum stigmatisierenden Kampfbegriff verkommene Bezeichnung »Kulak«: »Das ganze werktätige Bauerntum wurde zum Volksfeind erklärt und den Kulaken zugerechnet.« (Ebenda) Was ja bekanntlich knapp zehn Jahre später grausame Ergebnisse zeitigte. Von den Maximalisten, einer linken Abspaltung der Sozialrevolutionäre, hatten sie die Losung »Alle Macht den Sowjets und nicht den Parteien.« Mit Rosa Luxemburg sahen sie sich einig im Anprangern des Kadavergehorsams und geißelten wie sie die Vernichtung der »Schule des öffentlichen Lebens«. Die Werktätigen sind »an die Kette einer strengen Disziplin gelegt. Als sich die Kommunisten dann stark genug fühlten, schalteten sie zuerst Schritt für Schritt die Sozialisten anderer Richtungen aus, und schließlich stießen sie die Arbeiter und Bauern selbst vom Ruder des Staatsschiffes weg, fuhren aber gleichzeitig fort, das Land in seinem Namen zu regieren.« (Ebenda)

Sogar der Trotzkist Ernest Mandel hat diesen Vorgang als »Substitutionismus« angeprangert, und sein Idol gar selbst beklagte in einem späten lichten Moment: »Das Verbot der Oppositionsparteien zog das Verbot der Fraktionen nach sich; das Fraktionsverbot mündete in das Verbot, anders zu denken als der unfehlbare Führer. Die polizeiliche Einheitlichkeit der Partei brachte die bürokratische Straffreiheit mit sich, die zur Quelle aller Formen der Zügellosigkeit und des Verfalls wurde.« (Trotzki. 1936) Für die Kronstädter kam die entwaffnende Selbsterkenntnis Trotzkis leider viel zu spät.

Wie auch immer, die Rebellen auf der Insel Kotlin wollten keinen Kapitalismus, kein Parlament und keinen freien Handel. Sie wollten Sozialismus, Marx´ freie Assoziation der Produzenten, nichts anderes: »Eine Sowjetrepublik der Ar­beiter, in der der Produzent selbst uneingeschränkt Herr und Verwalter über die Produkte seiner Arbeit sein wird.« (Kronstädter Iswestrja. Nr. 14)

Weder die Sozialrevolutionäre noch die Menschewiki oder gar weißgardistische Generäle hatten die Kronstädter unterwandert. Nicht einmal die Linken Sozialrevolutionäre oder die Anarchisten führten das Wort. Die Ideen Kronstadts wurzelten in der plebejischen Narodniki-Bewegung genauso wie im Anarchismus und Rätekommunismus. Sie entsprachen den Wünschen der Massen im Oktober 1917. den Massen, die die Revolution gemacht hatten.

Gleichwohl spielten das Land, die bäuerliche Herkunft eine wichtige Rolle. Dies trennte die Kronstädter von den städtisch-proletarischen linken Kommunisten und der Arbeiteropposition, welche »nur« innerparteilich und in den Betrieben Demokratie und Räteherrschaft forderten, zum Teil aber einem rigorosen Zentralismus frönten.

Man kann das Programm der Matrosen, Arbeiter und Bauern Kronstadts daher als eine Mischung aus Maximalismus, Anarcho-Syndikalismus und Rätekommunismus bezeichnen, als letzten Versuch, die Ideale des Oktober 1917 zu verwirklichen. Der Vergleich mit der Pariser Kommune ist durchaus berechtigt. Konterrevolutionär war an diesem Programm gar nichts, konterrevolutionär waren die, die die Ideale verraten hatten.

Und wie stand Lenin zum Ganzen? Zehn Tage hatte sich Wladimir Iljitsch vornehm zurückgehalten, zehn Tage mußten Sinowjew und Trotzki die Drecksarbeit machen, und zehn Tage waren diese dafür von den Kronstädtern mit Hohn und Spott belegt worden. Lenin aber hatten die Rebellen geschont. Kein Wort des Hasses, kein Wort des Angriffs. Der Ruhm Lenins war schon so hoch gestiegen, daß keiner glauben mochte, er habe dies gewollt (Noch 1992 schiebt Ernest Mandel den »Altbolschewiken« den »Substitutionismus« in die Schuhe).

Dann kam der 10. Parteitag, und Lenin sprach. Und was er sagte, gehört zum armseligsten, ja zum schäbigsten, was dieser Mann je gesagt hat. Wider besseres Wissen bzw. in einem Akt des Selbstbetrugs stellte er fest: Die Kronstädter seien kleinbürgerlich, konterrevolutionär, gegen die Diktatur des Proletariats, für den freien Handel und wollten ein bürgerliches Parlament »als Brücke für den Übergang zur weißgardistischen Macht.« Lenin: »Zweifellos haben die weißen Generale (also gleich mehrere Koslowskys — K. G.) — Sie alle wissen das — dabei eine große Rolle gespielt. Das ist vollauf erwiesen.« Erbringt Genosse Lenin irgendeinen Beweis? Natürlich nicht. Indem Lenin sagt, es sei bewiesen, ist es so. Daß diese »weißgardistischen Generäle« von ihm haufenweise als militärische Berater engagiert wurden, bleibt im übrigen unerwähnt. Doch er setzt seiner brillanten Rede noch die rote Krone auf: »Die Freiheit des Handels wird, selbst wenn sie anfänglich mit den Weißgardisten nicht so verknüpft ist, wie Kronstadt mit ihnen verknüpft war, dennoch unvermeidlich zu diesem Weißgardistentum, zum Siege des Kapitals, zur völligen Restauration führen.«

Wir haben es hier mit einer besonderen Art von Dialektik zu tun. Diese schwere Anklage führt ein Mann, der zur gleichen Zeit schon die Pläne für die Neue Ökonomische Politik in der Tasche hatte, mit freiem Handel, Rücknahme von Sozialisierungen, deutschem Kapital und Tralala. Er warf also den Matrosen vor, was sie nicht gefordert hatten, er aber insgeheim beabsichtigte und was ihm offiziell als »Schreckgespenst« die Begründung für die blutige Niederschlagung der Rebellion lieferte.

Und doch gibt es einen Halbsatz. in dem die große Verlegenheit die Größe des Staatlenkers einholt. Als er nämlich feststellt, daß die Kronstädter »scheinbar nur ein klein wenig rechter als die Bolschewiki, ja vielleicht sogar auch >linker< als die Bolschewiki« seien. Wie bekommt man das aber mit den weißgardistischen Generälen zusammen? Ganz einfach, die verstehen es, »sich den Anstrich von Kommunisten zu geben, ja sogar von Kommunisten, die am weitesten links stehen«

Wladimir Iljitschs Stern sank nun auch bei den Kronstädtern. »Man hätte erwarten können, daß Lenin in diesem großen Augenblick, da die Werktätigen um ihre verletzten Rechte kämpfen, nicht heucheln, sondern die Wahrheit sagen würde. Irgendwie machten sich die Arbeiter und Bauern von Lenin eine ganz andere Vorstellung als von Sinowjew und Trotzki.« Aber Lenin »wiederholte die üblichen Lügen der Kommunisten über das aufständische Kronstadt.« Und »aus irgendeinem Grund war er erschrocken«, weil »die Anführer der Partei, die ihr Maß überschritten hat, spüren daß das Ende ihrer Autokratie gekommen ist. Die grenzenlose Verwirrung Lenins durchzieht daher auch all seine Reden über Kronstadt.« Doch ganz haben sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben und sehen Lenin als Gefangenen seiner Gesinnungsgenossen. Er »muß genau so verleumden wie sie auch.« Und erneut wird erklärt, Kronstadt »fordert nicht >Freiheit des Handels<, sondern echte Macht der Sowjets.« (Kronstädter Jswestija. Nr. 12)

Als die Kronstädter aber dann feststellten, dass Lenin nicht der Gefangene, sondern der Antreiber war, ließen sie auch ihn fahren und reihten ihn ein in die »Firma Lenin, Trotzki und Co.« (Kronstädter Iswestija, Nr. 13)

Ein anderes Mitglied der »Firma«, der Liebling der Partei, Nikolai Bucharin (erschossen 1938); machte Monate später vor, wie man in ein und derselben Rede verleumden und heucheln kann. Einerseits betonte er auf dem Dritten Kongreß der Komintern im Juli 1921, die Dokumente »zeigen klar, daß diese Affaire von reinen Weißen Zentren ausgeheckt wurde.« Um dann später scheinheilig zu fragen: »Wer behauptet, die Kronstädter Rebellion war Weiß? Niemand. Um der Idee willen, um der Aufgabe willen, waren wir genötigt, die Revolte unserer irrenden Brüder niederzuschlagen. Wir lieben sie als unsere wahren Brüder unser eigen Fleisch und Blut.« Was die Bolschewiken mit ihrem eigenen Fleisch und Blut alles anstellten, werden wir noch sehen.

Victor Serge, in Belgien geborener Kommunist und Mitglied der RKP, war im März 1921 in Petrograd. Er erklärte sich im Gegensatz zu Bergman/Goldman für neutral, wurde aber ob der Handlungsweise und Verlautbarungen der Bolschewiki in tiefe Verwirrung gestürzt. Eine Verwirrung, die ihn, obwohl er sich weiter als Kommunist verstand, nicht mehr verließ und die er in seinen Erinnerungen auf den Punkt brachte: »Das Schlimmste war, daß uns die offizielle Lüge lähmte. Daß uns die eigene Partei derart belog, das war noch nie vorgekommen.«

Teil VI