Selbstdarstellung


 

Die Kommune von Kronstadt
Von Klaus Gietinger

 

 

 

 

Teil VI

Feuer aus allen Rohren

 

 

 

 

 

Als er Pöstchensammler Grigori Sinowjew (Vorsitzender des Exekutivkomitees der Komintern, Vorsitzender des Petrograder Sowjets, Parteivorsitzender der Petrograder RKP, Vorsitzender des Verteidigungskomitees) auf einer bolschewistisch dominierten außerordentlichen Versammlung des Petrograder Sowjets die Kronstädter zum wiederholten Mal als Weißgardisten beschimpfte, stand ein alter Arbeiter der Arsenal-Werke auf und zeigte mit dem Finger auf Sinowjew. »Deine grausame Gleichgültigkeit und die deiner Partei haben uns zum Streik getrieben und die Sympathie unserer Matrosenbrüder geweckt, die Seite an Seite mit uns in der Revolution gekämpft haben. Sie haben sich keines anderen Verbrechens schuldig gemacht, und das wißt ihr sehr gut. Ihr verleumdet sie absichtlich und schreit nach ihrer Vernichtung.«

Im darauffolgenden Tumult sprach der Mann laut, aber ruhig weiter. »Vor knapp drei Jahren hat man Lenin, Trotzki, Sinowjew und euch alle als Verräter und deutsche Spione beschimpft. Wir, die Arbeiter und Matrosen, haben euch vor der Kerenski-Regierung gerettet. Wir sind es gewesen, die euch zur Macht verholfen haben. Habt ihr das vergessen? Und nun droht ihr uns mit dem Schwert. Bedenkt, daß ihr mit dem Feuer spielt.«

Sinowjew war dem Nervenzusammenbruch nahe, berichtet Emma Goldman, die die Versammlung aus nächster Nähe miterlebte. Nun erhob sich ein riesenhafter Kronstädter Matrose und versuchte, dem Arbeiter beizupflichten. Am revolutionären Geist seiner Kameraden habe sich nichts geändert. Sie wären bereit, die Revolution bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Dann versuchte er, die Petropawlowsk-Resolution zu verlesen. Doch die Versammlung tobte. Hysterisch kreischend verlangte Sinowjew die sofortige Unterwerfung von Kronstadt und drohte, es andernfalls »dem Erdboden gleichzumachen.« (Goldman)

Dies war am 4. März 1921 gewesen. Bald darauf ließ sich Petrograd mit Lebensmitteln, Zugeständnissen und dem Schreckgespenst einer weißgardistischen lnvasion beruhigen. Ein letzter Versuch der Arbeiter der Arsenal-Werke. am 7. März den Generalstreik durchzusetzen, scheiterte.

»Unsere Feinde betrügen euch, Sie behaupten, der Kronstädter Aufstand sei von Menschewiki, Sozialrevolutionären, Spionen der Entente und zaristischen Generälen organisiert worden. Die führende Rolle schreiben sie Paris zu. Unsinn! Unser Aufstand wurde ebensowenig in Paris ge­macht wie der Mond in Berlin. Wir wollen nicht zum Alten zurückkehren. Wir sind keine Diener der Bourgeoisie, keine Mietlinge der Entente. Wir sind für die Macht aller Werktätigen, aber nicht für die schrankenlose, tyrannische Gewalt irgendeiner einzelnen Partei. In Kronstadt gibt es keinen Koltschak, keinen Denikin und auch keinen Judenitsch (alles weiße Generäle des Bürgerkriegs — K. G.) In Kronstadt regiert das werktätige Volk.« (Kronstädter Jswestija Nr. 9)

Der revolutionäre Geist war nach der ersten Attacke der Roten Armee Trotzkis (am 8. März) ungebrochen. Was aber machten die Kommunisten in Kronstadt?

Kusmin, Wassiljew und einige andere Funktionäre, die sich hatten verdrücken wollen, waren verhaftet. Der Rest genoß Freizügigkeit. Einige nutzten dies, um den Bolschewiki Lichtzeichen zu geben oder telefonisch Informationen über die Rebellen auszuplaudern. Auch sie kamen in Arrest. Doch die meisten Mitglieder kehrten der Partei den Rücken. Die Kronstädter lswestija ist voll von Austrittserklärungen. So schreibt die Lehrerin Marija Nikolajewna Satel: »Die Revolution von 1917 eröffnete meiner Arbeit unbegrenzte Möglichkeiten; ich steigerte meine Kräfte, und mit noch größerer Energie fuhr ich fort, meinem Ideal zu dienen. Die kommunistische Lehre mit Ihrer Losung >Alles für das Volk< nahm mich durch ihre Reinheit und Schönheit gefangen. (...) Doch beim >ersten Schuß< auf die friedliche Bevölke­rung, auf meine heißgeliebten Kinder, die in Kronstadt etwa 6000—7000 zählen (... ) betrachtete ich mich nicht mehr als Kandidatin der RKP. «(Kronstädter Iswestija Nr. 8)

Die aber, die in der Partei blieben, schlossen sich trotzdem den Forderungen der Kronstädter an: »Wir, die unterzeichneten Mitglieder der RKP. halten die Taktik der Partei für von Grund auf falsch und sind der Ansicht. daß die Partei büirokratisch geworden ist und den Kontakt zu den Massen ganz verloren hat.«<Ebenda) Sogar Trotzki mußte später zugeben. daß der Löwenanteil der Parteimitglieder sich dem Aufstand angeschlossen hatte. Und doch geriet die Stadt in große Schwierigkeiten, eben weil der Funken der Revolte nicht aufs Festland zurücksprang.

Waren beim ersten Ansturm der Bolschewiki noch relativ wenig Opfer auf Seiten der Kronstädter zu verzeichnen gewesen, so nahm der Druck doch physisch und psychisch zu. Obwohl sie auch noch mehreren kleineren Nachfolge-Attacken der Bolschewiki und Tschekisten zwischen dem 9. und 14. März standhielten, wußten die Kronstädter, daß sie nicht ewig ausharren konnten. Das weitgestreute Archipel der im 19. Jahrhundert vom zaristischen General Totleben entworfenen Forts und Bunker erforderte einen enormen Personalbestand und dezentralisierte die Kräfte. Essen, Treibstoff und Munition würden irgendwann ausgehen, die langen schlaflosen Nächte auf Wache zerrten an den Nerven. Und dann forderten die ständigen Beschießungen der 50000 Einwohner zählenden Stadt durch die Küstenbatterien ihre Opfer. Schließlich gingen Mitte des Monats die Medikamente aus. Die Todesrate stieg sprunghaft an.

Doch die Kronstädter gaben nicht auf: »Es gibt kein Zurück mehr. Es bleibt nur der eine Weg nach vorne — zur freien Arbeit und zur freien Macht der Sowjets.« (Kronstädter Iswestija Nr. 7) Zur gleichen Zeit sammelten Trotzki und Tuchatschewski ihre Kräfte, um zum entscheidenden Schlag auszuholen. Noch einmal würden sie sich nicht blamieren. Also taten sie das, was sie den Kronstädtern vorwarfen, sie holten zaristische Offiziere und fremde Truppen heran, aus der Ukraine, aus Polen, Lettland, ja aus China. Ahnungslose Tartaren und Baschkiren plus Tschekisten und Kommissare sollten dem »Sozialismus in Anführungszeichen« (Kronstädter lswestija Nr. 14) zum Siege verhelfen. Doch nicht genug damit: 3OO Delegierte des parallel stattfindenden 10. Parteitages in Moskau meldeten sich freiwillig an die eisige Front. Darunter demokratische Zentralisten (z. B. Bubnow) und Mitglieder der Arbeiteropposition, deren Ziele — Demokratisierung von Partei und Wirtschaft — sich gar nicht so sehr von denen Kronstadts unterschieden.

»Wir gehören zu den ersten Freiwilligen, die gegen die Rebellen kämpfen«, tönte Alexandra Kollontai (der einzige Mensch der Arbeiteropposition, der eines natürlichen Todes starb). Kurz darauf bekam sie von Lenin einen Maulkorb umgehängt.

Doch bevor die Opposition sich brav selbst auflöste, erklärten Bubnow (liquidiert 1940), Zatonsky (verschwunden 1938) und Pjatakow (erschossen 1937) noch den Truppen, warum sie ihre Brüder zu meucheln hätten: »Freie Sowjets, bedeuten die Restauration der Bourgeoisie, der Junker, Generäle, Admiräle, Adligen, Prinzen und anderer Parasiten« und auch »das Niederwerfen der Sowjetmacht.« Die umwerfende Logik solcher Aussagen störte wohl keinen der kritischen Intellektuellen. Ebensowenig Lenins Dialektik der höheren Art: »In Kronstadt will man die Weißgardisten nicht, will man unsere Macht nicht — eine andere Macht gibt es nicht.«

Marxismus-Leninismus von seiner besten Seite. Ein Delegierter versuchte, diesen Standpunkt den Divisionen auf dem Eis folgendermaßen nahezubringen: »Entweder mit den Weißen Garden gegen uns oder mit uns gegen die Weißen Garden.« Versteht sich, daß die Moral der roten Truppen schlecht blieb. Immer noch rumorte es unter den Kadetten und den Divisionen in Oranienbaum. Eisenbahnarbeiter machten Dienst nach Vorschrift. Die Züge kamen kaum voran. In Krasnoje Solo (südwestlich Petrograds) weigerten sie sich sogar, Truppen gegen Kronstadt zu transportieren.

Doch der Parteitag und sein Kopf hatten noch einen Taschenspielertrick in petto. Am 15. März wurde plötzlich beschlossen, die blutigen Zwangsrequisitionen in der Landwirtschaft abzuschaffen und durch eine Naturalsteuer zu ersetzen. Plötzlich, nach drei Jahren Kriegskommunismus‘ hatte Lenin die »Einsicht in die Notwendigkeit« und startete den Versuchsballon der Neuen Ökonomischen Politik. Aber warum erst jetzt? Und warum genau zu diesem Zeitpunkt? Lenin wußte, den Bolschewiki ging es an den Kragen. Die Bauernaufstände im ganzen Land, die Streiks der Arbeiter in den Großstädten und jetzt noch Kronstadt, das war auf die Dauer nicht zu liquidieren. Also mußte — wider besseren Wissen? — gehandelt werden.

Die Nachricht dieser Maßnahme verbreitete sich in Windeseile. Der schlaue Parteienlenker hatte ein Hauptargument der Kronstädter entkräftet, nämlich daß die Bolschewiki die Feinde der Bauern seien. Sie blieben es weiterhin, aber eine wichtige Ursache für die Revolte war nun weggefallen. Die Moral der Truppen stieg.

Michail Tuchatschewski hatte 50000 Mann aus dem ganzen Sowjetstaat zusammengekarrt, doppelt soviele wie beim ersten Versuch. Die zaristischen Offiziere Kasanski, Sediakin und Kamenew unterstützten ihn. Von drei Seiten (Norden, Süden und Südosten) sollte angegriffen werden. Als am 16. März die letzte Ausgabe der Kronstädter Iswestija erschien und verkündete: »Wir werden die Ketten Trotzkis und den Zaren Lenin abschütteln«, feuerten die Küstenbatterien der Bolschewiki bereits aus allen Rohren auf die Stadt.

Und diesmal trafen sie bestens. Granaten schlugen auch im Friedhof ein, wo die Kronstädter gerade ihre umgekommenen Genossen begruben. Sofort antworteten die Matrosen mit ihrer Artillerie und den Geschützen der im Hafen liegenden Großkampfschiffe. Aber die Bolschewiki hatten Glück. Die »Sewastopol« und die »Petropawlowsk« erhielten mehrere schwere Treffer. Dutzende von Matrosen starben. Der psychologische Effekt war noch viel größer. Die Schiffe, von denen die Revolte ausgegangen war, lagen brennend im Hafen.

Dann folgte eine trügerische Ruhe. Am 17. März 1921, zwei Uhr morgens, schließlich griffen die Bolschewiki an. Mit Freiwilligen an der Spitze schlichen sich Tausende von Soldaten über das Eis und im Schutz der Nacht an die Festung heran. Kriechend näherten sich die Angreifer den Batterien der Aufständischen. Als sie die Stachel­drahtbarrieren durchzuschneiden begannen, wurden sie plötzlich von gleißend hellem Licht und Suchscheinwerfern angestrahlt. Stimmen riefen:

»Wir sind eure Freunde. Wir sind für die Macht der Sowjets. Wir schießen nicht!« Doch diesmal blieben die Soldaten taub — manche verstanden vermutlich nicht einmal die russische Sprache —und machten weiter.

Ein mörderischer Kampf begann. Maschinengewehrfeuer blitzte aus allen Ecken auf und unter großen Verlusten nahmen die bolschewistischen Truppen Fort um Fort. Gefangene wurden kaum gemacht. Bajonette und Erschießungstrupps arbeiteten unermüdlich. Schließlich erreichte eine lnfanteriebrigade, darunter die Freiwilligen vom 10. Parteitag, den Hafen. Das Artillerie- und Maschinengewehrfeuer der Rebellen nahm noch zu. Wieder weigerten sich zahlreiche Angreifer, weiter vorzugehen. Wieder wurden exemplarische Exekutionen veranstaltet. Noch einmal gelang es den Rebellen, die Angreifer zurückzuschlagen. Die bolschewistische Brigade wurde fast vollständig aufgerieben, Hunderte von Soldaten, darunter auch mancher Parteidelegierte, fanden in den von Granaten aufgerissenen Eislöchern ihr Grab. Als der Morgen dämmerte, war es mehreren Regimentern am Ostende der Stadt gelungen, das sogenannte Petrograder Tor zu erreichen. Ein überlebender Bolschewik berichtete: »Es war, als feuerten die Maschinengewehre aus allen Fenstern und Dächern auf uns.« Und ein zweiter wußte zu erzählen: »Das Weiß des Schnees und des Eises war über und über mit Blut bedeckt.«

Auch die Kronstädter Frauen griffen in den Kampf ein. Schließlich gelang es den Angreifern doch, in die Stadt zu kommen. Aber ein verzweifelter Gegenangriff warf sie zurück aufs Eis. Und immer wieder redeten die Delegierten des Parteitages auf die Männer ein. Immer wieder griffen die Truppen Tuchatschewskis an. So ging es den ganzen Tag über.

Schließlich war das Tor nicht mehr zu halten. Straße um Straße und Haus um Haus rückten »Feldmarschall Trotzkis« Divisionen vor. Bei Sonnenuntergang hatten sie schon schwere Artillerie in die Stadt geschafft und beschossen die Häuser, aus denen heraus sich die Rebellen immer schwächer verteidigten. Mit Kronstadt ging es zu Ende.

Doch auch jetzt wurden die Rebellen nicht zu Barbaren. Sie schonten ihre kommunistischen Gefangen und liquidierten sie nicht. Was man umgekehrt von den Bolschewisten nicht behaupten kann. Haufenweise wurden die Kronstädter exekutiert. Dies veranlaßte den verbleibenden Rest, die Flucht zu versuchen. Mehreren tausend Matrosen gelang es, im Schutz der Nacht übers Eis nach Finnland zu entkommen, darunter auch Petrichenkow. Sogar der alte Koslowsky — für vogelfrei erklärt — mußte fliehen, obwohl er mit dem Aufstand nichts zu tun hatte.

Im Morgengrauen des 18. März stürmten Kadetten die schwer angeschlagenen Schlachtschiffe. Bis in den Abend hinein zogen sich noch die letzten Kämpfe. Dann kehrte Ruhe ein.

Der Kampf um Kronstadt war einer der blutigsten des ganzen Bürgerkriegs. Mindestens 10000 Toten und Verwundeten auf Seiten der Rotarmisten standen mehrere tausend auf Seiten der Matrosen und Arbeiter gegenüber, von denen nicht wenige nach Feuereinstellung massakriert wurden.

Das »Morgenrot der Dritten Revolution. (Kronstädterlswestija Nr. 14) war im Blut erstickt worden, der Traum »eines Sozialismus anderer Art« (Ebenda) endgültig ausgeträumt.

2500 Matrosen wanderten in die Gefängnisse nach Petrograd. Doch dort holte man sie bald heraus und deportierte sie, wie neue Dokumente belegen, auf Wunsch Lenins in die Straflager im Gouvernement Archangelsk und zwei Jahre später in die besonders berüchtigten »Nördlichen Lager zur besonderen Verwendung« (SLON) auf die Solowetzi-Inseln im Weißmeer, wo die meisten vermutlich elendig zugrunde gingen. Die Bolschewiki hatten, um sich an Bucharins Worte zu erinnern, gezeigt, wie sie mit ihren »Brüdern«, m ihrem »eigenen Fleisch« umgingen.

Teil VII