Selbstdarstellung


 

Die Kommune von Kronstadt
Von Klaus Gietinger

 

 

 

 

Teil VII

Das Blut der Unschuldigen

 

 

 

 

 

10. Parteitag

Wir waren wie betäubt. Sascha (Alexander Berkman, KG.), dessen letzter Rest von Vertrauen in die Bolschewiki gebrochen war, streifte verzweifelt in den Straßen umher. Ich hatte Blei in den Gliedern und war unaussprechlich müde. Schlaff saß ich da und starrte in die Nacht. Petrograd war in ein schwarzes Leichentuch gehüllt, ein häßlicher Leichnam. Die Straßenlaternen flackerten gelblich — Kerzen für die Toten.« So beschreibt Emma Goldman jene Nacht, in der Kronstadt fiel.

Am nächsten Morgen wurde die Anarchistin unsanft von Militärmusik und Marschtritten geweckt. Die Bolschewiki feierten den 50. Jahrestag der Pariser Kommune just an dem Tag. an dem sie die Kommune von Kronstadt endgültig liquidiert hatten. Hießen die Henker in Paris Thiers und Gallifet, waren ihre Namen nun Tuchatschewski, Sinowjew und Trotzki. Zynisch krönten die Bolschewiki ihr Werk, indem sie die Rebellenschiffe »Petropawlowsk« und »Sewastopol« in »Marat« und »Pariser Kommune« umbenannten. Der neue, von den Bolschewiki eingesetzte Diktator Kronstadts, Dybenkow (erschossen 1938), jener Mann, dem man fälschlicherweise anarchistische Neigungen nachgesagt hatte und mit dem die Kronstädter Matrosen 1918 das Parlament verjagten, ließ offizielle Hinrichtungen auf die vielen inoffiziellen Gefangenentötungen in Kronstadt folgen.

Als »Beweis« einer »weißgardistischen Verschwörung« wurden 13 Menschen (fünf Ex-Marine-Offiziere aus der »Bourgeoisie«, ein ehemaliger Priester und sieben bäuerlicher Herkunft), die mit dem Aufstand nichts zu tun hatten (keiner war Mitglied des provisorischen Revolutionskomitees gewesen), exekutiert. Die Familien der gefangenen Matrosen teilten in einigen Fällen das Schicksal ihrer rebellischen Oberhäupter, sie wurden in die nördlichen Lager deportiert. Auch die Frau des unbeteiligten Generals Koslowskys und deren Kinder (mit Ausnahme der elfjährigen Tochter) kamen ins Lager. Die geflüchteten Matrosen aber wurden in Finnland interniert. Viele von ihnen kehrten — gelockt von einem Amnestie-Versprechen — nach Rußland zurück und kamen ins Lager. Petritschenkow, einer der Anführer der Rebellion, blieb fast 25 Jahre in Finnland. Zeitweise kooperierte er mit Emigrantenzirkeln in Europa. Doch später schloß er sich prosowjetischen Gruppen an. 1945 trieb ihn das Heimweh nach Rußland, wo er sofort festgenommen wurde. Ein oder zwei Jahre später starb er in einem Lager.

Doch zurück zum Ende Kronstadts. Nicht nur die. Anarchisten Bergman/Goldman sahen Petrograd nun mit anderen Augen. Auch der Kommunist Viktor Serge, der sich schweren Herzens für die Niederschlagung der Kronstädter Rebellion ausgesprochen hatte, berichtete: »Düsterer 18. März! (...) In den Büros des Smolny herrschte ein böses Unbehagen. Man vermied es, miteinander zu sprechen, wenn man nicht gerade sehr intim befreundet war, und was man sich unter intimen Freunden sagte, war bitter. Nie erschien mir die weite Newalandschaft fahler und trostloser.«

Die Revolution war endgültig entzaubert, die Losung »Alle Macht den Sowjets« zur hohlen Floskel verkommen. In Rußland herrschte weder die Diktatur der Werktätigen noch die der Arbeiterklasse noch die einer Partei, sondern ein kleines Gremium von Männern um Lenin, eine Junta mit einem Diktator an der Spitze. Rosa Luxemburgs Prophezeiung von 1918 hatte sich erfüllt: »Das öffentliche Lehen schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren. unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquen­wirtschaft. (...) Ja noch weiter: Solche Zustände müssen eine Verwilderung des öffentlichen Lebens zeitigen: Attentate, Geiselerschießungen etc.«

Dabei schien der 10. Parteitag der RKP in Moskau vom 8. bis 15. März 1921 — einer der dramatischsten überhaupt — zur Stunde der Opposition zu werden. Welcher Opposition? Zuerst waren da die »Demokratischen Zentralisten«. Männer wie Ossinski (erschossen 1938). Smirnow (erschossen 1938) und Bubnow (erschossen 1940), die wichtige Posten in der Wirtschaftsleitung, im Sowjet oder der Partei innegehabt hatten. Sie prangerten seit 1918 den Hyperzentralismus von Lenin und Genossen an, machten Vorschläge für eine Kombination von Arbeiterselbstverwaltung und Zentralwirtschaft, geißelten die Einmannleitung und den Taylorismus in den Betrieben. Auch wenn die Demokratischen Zentralisten von den Bauern nichts hielten und den roten Terror durchaus be­fürworteten, ist die Nähe zu einigen Kronstädter Forderungen augenscheinlich.

Ossinski hatte sich schon im April 1918 in ei­ner »linksabweichlerischen« Zeitschrift namens Kommunist, in der auch Radek und Bucharin schrieben, über die »kleinbürgerlichen Gebote« der »neuen Orientierung« Lenins mokiert und dessen manischen, an den amerikanischen Trusts und dem deutschen »Staatskapitalismus« orien­tierten Zentralismus angeklagt: »In Preußen sind sämtliche Eisenbahnen in die Hände des Staates übergegangen, aber niemand glaubt deshalb, daß das eine Maßnahme des Übergangs zum Sozialis­mus gewesen sei.« Ossinski hielt dem entgegen, daß der Sozialismus »erst dann auf sicheren Füßen stehen« wird, »wenn die Organisation dieser Wirt­schaft die Arbeiter selbst organisieren«. Tue man das aber nicht und entlasse sie aus der Leitung der Produktion, seien analog der kapitalistischen Kommandogewalt Akkordlohn, Stechuhr und Taylorismus unausweichlich, was wiederum zu Konkurrenz und Spaltung unter den Arbeitern führe.

Ossinski machte Gegenvorschläge: Drittelparität in der Betriebsleitung (ein Drittel gewählte Arbeiter, ein Drittel aus dem Gebiets-Volkswirtschaftsrat und den Gewerkschaften, ein Drit­tel technische Intelligenz), regionale, von den Arbeitern gewählte Wirtschaftsräte, Wahl des obersten Volkswirtschaftsrates aus diesen Gremien. zentraler Plan. Dieses System nannte er im Gegensatz zum zentralistischen Bürokratismus Lenins und dem Syndikalismus der Anarchisten »demokratischen Zentralismus« und »kollegiale Leitung«. Ein Versuch, es in die Praxis umzusetzen, wurde nicht gemacht.

Gleichwohl hatten Ossinski und Genossen auf dem 9. Parteitag der RKP im Frühjahr 1920 ihre Thesen über die kollegiale Leitung vorgestellt, die sich allerdings schon in einigen Punkten der »Militarisierung der Arbeit« durch Trotzki und Lenin angepaßt hatten. Lenin bügelte die Thesen trotz­dem ab und brandmarkte sie als »Synonym für Zerfall und Lockerung der Disziplin.«

Ein Jahr später, auf dem dramatischen 10. Par­teitag, zeitgleich zur Kronstadter Revolte, schwiegen die Demokratischen Zentralisten schon. An ihre Stelle trat die »Arbeiteropposition« unter Führung von Schlapnikow (ersthossen 1937) und Kollontai (natürlicher Tod 1952). Alexandra Kol­lontai, im November 1917 Volkskommissarin für staatliche Fürsorge und damit vermutlich die erste Frau Ministerin der Welt, hatte eine Broschüre verteilen lassen, die für den internen Gebrauch bestimmt war, aber bis nach Deutschland zu den »Linksabweichlern« von der KAP gelangte. Kollontai beklagte, Hamlet zitierend, »daß etwas faul ist im Staate Dänemark.« Nämlich: »Das Wesen des Streits dreht sich darum, ob wir den Kommunismus mit Hilfe der Arbeiter verwirklichen wer­den oder über ihre Köpfe hinweg vermittels der Sowjetbeamten.«

Ihre Forderung: »Die Verwaltung der Volkswirtschaft muß von dem allrussischen Kongreß der Produzierenden, die sich in Verbänden nach Berufen oder lndustriezweigen zusammenschließen. organisiert werden. Diese wählen einen Zen­tralrat. der die ganze Wirtschaft der Republik verwaltet.« Die entscheidende Funktion sollte dabei den Gewerkschaften zukommen. Kollontai sah sie nicht wie Trotzki als »Stock«, der die Massen erziehe und allerhöchstens Hausmeistertätigkeiten nachgehen dürfe. Im Gegenteil: Die Verwaltung der Volkswirtschaft sei »eine Sache der Gewerkschaften« und nicht der Partei. Die habe allenfalls die Aufgabe, »den freien Spielraum zu schaffen für die Heranbildung der Arbeiter zu Schöpfern der neuen Arbeitsmethoden«. Zentral war auch hier die Wahl und »Schaffung eines Organs der Volkswirtschaftsverwaltung aus den produzieren­den Arbeitern selbst«.

Die — nicht beabsichtigten —Gemeinsamkeiten mit Forderungen der Kronstädter Rebellen sind — bei aller städtisch-proletarischen Fixiertheit Kollontais — auch hier unübersehbar. Die Ex-Volkskommissarin berichtete, wie Lenin ihre Broschüre aufnahm: »Schnell, schnell blättert er sie durch und schüttelt mißbilligend den Kopf.« Kurz darauf folgte der Sturm. Lenin wetterte in seiner Rede gegen die Opposition, ja, er verleumdete sie.

Ihre Kritik der Parteipolitik habe die Rebellen von Kronstadt ermutigt, die Waffen gegen die Regie­rung zu erheben. Danach griff er sich die Kollon­tai: »Wissen Sie, was Sie da angerichtet haben? Das ist ein Aufruf zur Spaltung! (...) Und das in diesem Augenblick. Das ist Syndikalismus!«

Wieder so ein stigmatisierender Kampfbegriff. Syndikalismus kam von den Anarchisten, und die waren »kleinbürgerlich« wie die Kronstädter. Wla­dimir Iljitsch hatte die Opposition erneut mit den Rebellen verglichen. Kollontai kuschte. Die anderen Oppositionellen kuschten. Lenin nutzte die Stunde in doppelter Hinsicht. Einerseits zauberte er die Neue Ökonomische Politik aus dem Ärmel, um so die Bauern zu beruhigen und die Lage öko­nomisch in den Griff zu bekommen (die Hunger­snot von 1921 mit etwa fünf Millionen Toten war allerdings nicht mehr abzuwenden), andererseits diente Kronstadt zur endgültigen Unterdrückung der Opposition. »Mit Worten wie Freiheit der Kritik wird man uns nicht hinters Licht führen. (...) Wir brauchen jetzt keine Opposition. (...) Und ich denke. er Parteitag wird diese Schlußfolgerung ziehen müssen. daß es jetzt mit der Opposition zu Ende sein, ein für allemal aus sein muß, daß wir jetzt der Opposition müde sind!«

Lenins Gedanken waren dem Parteitag Befehl. Eine scharfe Resolution wurde verabschiedet:

»Der Parteitag erklärt (...) ausnahmslos alle Grup­pen, die sich auf der einen oder anderen Plattform gebildet haben (wie die Gruppen der >Arbeiteropposition<, des >Demokratischen Zentralismus< usw.) für aufgelöst bzw. ordnet ihre sofortige Auflösung an. Die Nichtausführung dieses Parteitagsbeschlusses hat unbedingt und sofort den Aus­schluß aus der Partei nach sich zu ziehen.« In ei­nem nichtveröffentlichten Zusatzpunkt wurde das ZK der Partei ermächtigt, auch Mitglieder des obersten Parteigremiums auszuschließen. Karl Radek (vermutlich 1939 im Gefängnis umgekommen) hatte ein ungutes Gefühl. Er fürchtete, »hier würde eine Regel eingeführt, von der noch nicht sicher ist, gegen wen sie angewandt werden kann,« und stimmte, hier ganz Bolschewik, zu. Jahre später zählte er zu den ersten Opfern dieses Beschlusses.

Opposition wurde im März 1921 zum Verbrechen, auch innerhalb der Partei. Außerhalb wurden die letzten Reste der anderen sozialistischen Parteien zerschlagen, ihre Führer verbannt oder verurteilt. Selbstverständlich ging es auch den Anarchisten an den Kragen.

Dabei hatten die Herren Parteiführer einige Überlegungen über das friedliche Miteinander angestellt. Stalin soll vorgeschlagen haben, die Kronstädter sich selbst zu überlassen. Trotzki gar hatte über Reservate für Renegaten nachgedacht. Er erörterte nach eigener Aussage »häufig mit Lenin die Frage, ob es nicht möglich sei, den Anarchisten gewisse Gebietsteile zu überlassen, damit sie im Einverständnis mit der betreffenden Bevölkerung mit ihrer Staatenlosigkeit die Probe aufs Exempel machen. Doch die Bedingungen des Bürgerkrieges, der Blockade und des Hungers ließen zu wenig Raum für derartige Pläne.« Man möchte hinzufügen und die Blockade in den Köpfen Lenins und Trotzkis. Denn Anarchisten wie Nestor Machno und seine Armee hatten ihre relative Freiheit genau während des Bürgerkrieges. eben weil er zu dieser Zeit den Bolschewisten gegen die Weißen half. Erst danach wurde er geschlagen. Da Lenin und Trotzki aber schon die ei­gene Opposition in der Partei (wieder nach dem Ende von Bürgerkrieg und Blockade) knebelten, ist klar: Nie und nimmer, unter welchen Bedin­gungen auch immer, hätte das Paar solche Reservate zugelassen.

Die beiden starken Männer Rußlands waren Kinder des 19. Jahrhunderts, Freunde des Preußentums, der Disziplin und des Autokratismus. Lenin hatte dies spätestens 1902 mit »Was tun« und 1904 mit »Einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück« bewiesen, Trotzki, als er sich 1917 den Bolschewiki anschloß und seine Kritik von 1904 auf den Müllhaufen des Kommunismus warf.

Und die Umstände entfalteten in ihnen das. was schon angelegt war. Die Angst vor den Massen, die sie zur Revolution gebracht hatten, und von denen sie nun vielleicht hinweggefegt werden könnten, schnürte den Bolschewiki die Kehle zu. Hier gingen sie mit den deutschen Mehrheitssozialdemokraten d‘accord. So seltsam es klingen mag: Die Bolschewismusfurcht der SPD hatte ihre Entsprechung in der Anarchismusfurcht der Bolschewiki.

Darum duldeten sie erst keine fremden Götter neben sich, dann keine in der Partei. und schließlich gab es nur noch einen Gott. Und der konnte nach dem 10. Parteitag kommen. Was die Kronstädter Matrosen so gefährlich gemacht hatte war in der Tat, im Gegensatz zu den Weißen, daß sie im Namen der Sowjets revoltierten. Sie gaben den Massen eine Stimme und trafen die Bolschewiki mehr als jede andere Opposition ins Mark. Die Männer der Parteiopposition aber. um zu beweisen, was für aufrechte Kommunisten sie doch waren. auch wenn sie Kritik übten, wollten die ersten sein, die Kronstadt als Freiwillige liquidieren halfen.

Bubnow. der Demokratische Zentralist, bekam den Orden des Roten Banners für die Massakrierung der Kronstädter. Das schützte ihn nicht davor, daß er selbst massakriert wurde, 19 Jahre später. So ging es allen Oppositionellen, egal ob und wann sie der Opposition entsagten, sie wurden umgebracht: Ossinski, Smimow, Jurenew, Maksimowski, Kamenski, Sapronov, Boguslawski, Rafail, Mjasnikow, Schlapnikow. Nur die Kollontai hatte als einzige Glück. Aber auch die, die nicht in der Opposition waren, die treu und redlich der Diktatur Lenins und Trotzkis gehuldigt und deshalb das Massaker auf dem Eis geleitet hatten, kamen an Kobas Wand: Sinowjew, Tuchatschewski, Dybenkow, Kusmin. Ja, dem verhinderten Stalin selbst, Leo Dawidowitsch Trotzki spaltete in der Hitze Mexikos ausgerechnet ein Eispickel den Kopf. Kronstadt hat sie alle eingeholt.

Und so erfüllte sich — mit Ausnahme des letzten Satzes — die Weissagung der rebellischen Matrosen : »Das Blut der Unschuldigen wird auf die Häupter machttrunkener und grausamer kommunistischer Fanatiker kommen. Es lebe die Macht der Sowjets!«